Pro und Contra Impfungen

Schutz oder Angstmache? Ingomar Mutz, Österreichs oberster Impfspezialist und der steirische Impfgegner August Zoebl im STANDARD-Interview

Standard: Herr Professor Mutz, was raten Sie einem Elternpaar, das unsicher ist, ob es sein Kind impfen lassen soll?

Mutz: Ich sage diesen Eltern, dass Impfen eine Risikominderung bedeutet. Ich bin seit 40 Jahren Kinderarzt. Ich habe noch erlebt, wie es war, als es die heutigen Impfungen nicht gab. Zwischen 1946 und dem Winter 1961 zum Beispiel, als die Polio-Impfung eingeführt wurde, sind 14.000 Österreicher an Kinderlähmung erkrankt. Über 1200 sind daran gestorben. Und von denen, die sie überlebt haben, kenne ich etliche, die heute noch hinken. So etwas wird oft allzu schnell vergessen.

Zoebl: Alleine die Frage Impfen Ja oder Nein zeigt bereits, in welch angstmachendem Weltbild wir da stecken: Es wird immer so getan, als würden wir permanent von bedrohlichen Erregern umschwirrt, die willkürlich über uns herfallen. Das ist das bakteriozentrische Weltbild. Wenn das zuträfe, müssten wir permanent in Infektionen verwickelt sein. In Wahrheit verhalten sich die Erreger um uns und in uns völlig neutral, es sei denn, unsere Integrität ist verletzt, weil beispielsweise die hygienischen Verhältnisse nicht stimmen.

Mutz: Es gibt natürlich viele Erreger, die für den Menschen keine Bedeutung haben. Wenn wir über das Impfen reden, reden wir ja von jenem Teil der Erreger, die Krankheiten bringen können. Für mich ist Impfen die beste Methode, das Immunsystem zu stärken, weil man da mit der Krankheit quasi in einer homöopathischen Dosis konfrontiert ist.

Standard: Herr Dr. Zoebl, Sie haben selbst Kinder, sind die geimpft?

Zoebl: Mein Sohn ist zehn, der hat noch die ersten Impfungen bekommen. Aber ich habe eine vierjährige Tochter, die ist völlig ungeimpft, und es geht ihr blendend.

Standard: Was würden Sie tun, wenn Ihre kleine Tochter sich einen rostigen Nagel eintritt. Würden Sie ihr eine Tetanusspritze geben?

Zoebl: Ich würde dafür sorgen, dass die Wunde gut gereinigt wird, und den Rest dem Wundheilungsprozess überlassen.

Standard: Und wenn das nicht funktioniert?

Zoebl: Dann muss man weiterschauen. Ich persönlich kenne übrigens keine Tetanusfälle in Österreich und auch keinen Kollegen, der welche kennt. Und ich glaube nicht, dass das daran liegt, dass so viel geimpft wird. In Wahrheit sind diese angeblichen Impferfolge eine simple Folge der verbesserten hygienischen Verhältnisse.

Standard: In Ihrem Buch "Impfling" schreiben Sie, dass Sie Kinderkrankheiten für notwendige Entwicklungs- und Reifungsschritte halten, auch in geistiger Hinsicht. . .

Zoebl: Sie sind eine Durchbruchstelle von einer Entwicklungsstufe zur nächsten. Sie schützen das Kind davor, in einer Stufe stecken zu bleiben. Man soll solche Schritte keinesfalls unterdrücken, sondern die Kinder dabei begleiten, eventuell auch arzneilich.

Mutz: Dass im Kontakt mit dem Erreger das Immunsystem reift, ist klar. Aber dass da auch die Persönlichkeit reift, halte ich für absurd. Denken Sie an die Meningokokken- Meningitis. Wem soll das helfen, wenn man da nichts unternimmt? Und weltweit sterben noch immer jährlich 400.000 Kinder an Masern. Ich glaube nicht, dass die Kinder bei uns schlechter gereift sind, weil sie gegen Masern geimpft werden. Aber wenn jemand ein fundamentaler Impfgegner ist, den kann man nicht überzeugen.

Standard: Die Skepsis dem Impfen gegenüber wird hierzulande immer stärker. Woran liegt das?

Mutz: Die Skepsis kommt daher, dass es ein Zuviel an Information gibt. Die Eltern werden davon förmlich erdrückt. Ich habe mir gerade den amerikanischen Elternratgeber zum Thema Impfen besorgt – der hat 457 Seiten. Das ist ja schon für viele Ärzte eine Überforderung. Wie soll sich da ein Laie auskennen? Und wenn man ratlos ist, dann unterlässt man manche Dinge lieber. Noch dazu hat das Impfen ohnehin einen schalen Beigeschmack, weil ich quasi, salopp gesagt, einem vorher Gesunden mit einer Injektion etwas antue.

Zoebl: So ähnlich ist es auch: Man schlägt vorsorglich auf ein Blech, um eine Delle auszuschlagen, die noch gar nicht vorhanden ist. Damit macht man eine Delle, aber die schützt nicht vor zukünftigen Blechschäden.

Standard: Die Impfungen, die der österreichische Impfausschuss empfiehlt, werden von Jahr zu Jahr mehr: Masern, Windpocken, jetzt auch noch die Impfung gegen das Rotavirus. Wird dieser Trend so weitergehen?

Zoebl: Mich erinnert all das an die Seefahrer im Mittelalter, die glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Weil sie Angst hatten hinunterzufallen, trauten sie sich nicht an den Rand vor. Genauso versuchen die Impfanhänger, einen Zaun nach dem anderen aufzustellen, vor einem Abgrund, der gar keiner ist.

Mutz: Ich sehe das so: Gott sei Dank werden die Impfungen mehr. Wir können immer mehr Krankheiten vermeiden, und die Kinderabteilungen in den Spitälern schrumpfen. Wenn die Rotavirusimpfung kommt, werden jährlich 3000 bis 4000 weniger Säuglinge und Kleinkinder ins Spital müssen. Das sind 12.000 bis 16.000 Pflegetage im Spital, die sich die Kinder und ihre Eltern ersparen. Der Impfstoff wird ab Mai zur Verfügung stehen. Da muss ich mich doch freuen.

Standard: Und was kommt als nächstes ins Programm?

Mutz: Eine Impfung gegen humane Papillomviren, die die Auslöser des Gebärmutterhalskrebses sind. Davon werden jedes Jahr 400 Fälle diagnostiziert. Davon werden wir hoffentlich auf lange Sicht drei Viertel verhindern können. Der Impfstoff wird voraussichtlich in einem knappen Jahr am Markt sein.

Standard: Und die Pharmafirmen werden mit all dem viel Geld verdienen, könnten Impfkritiker einwenden.

Mutz: Mein Zugang ist ein sehr pragmatischer. Wenn eine Pharmafirma an der Impfung nichts verdient, macht sie es nicht. Ein Bäcker bäckt das Brot, aber nicht, damit wir nicht verhungern, sondern damit er nicht verhungert. Natürlich versuchen die Firmen immer eine Gewinnoptimierung, und natürlich werben sie mit einer gewissen Schlagseite für ihre Produkte. Unsere Aufgabe als Ärzte ist es, das Thema ins rechte Licht zu rücken.

Standard: Der Impfausschuss empfiehlt nicht nur Impfungen, sondern auch, wann und wie oft aufgefrischt werden muss. Halten sich die Österreicher dran?

Mutz: Die Erfassung dieser Daten ist leider erst im Aufbau. Was wir wissen: Bei den Säuglingen bekommen 94 Prozent die empfohlenen Impfungen. Je älter die Kinder werden, desto niedriger wird dieser Prozentsatz. Bei den Erwachsenen gibt es echte Lücken. Ältere Leute etwa, die seit Jahrzehnten nicht mehr Tetanus geimpft wurden. Ich würde mir eine Art Recall- System wünschen, das die Menschen erinnert, wann welche Impfung fällig ist. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die Sozialversicherung so etwas organisiert. Da bekommt man dann eine Aufforderung, wo drin steht: Sie sind jetzt 35, sie sollten zur Impfung gehen. Interessanterweise gibt es bei der Impfmoral ein Ost-West-Gefälle: Die Voralberger nehmen’s viel genauer als die Wiener.

Standard: Wäre eine Impfpflicht für Sie eine Lösung?

Mutz: Nein, das wäre kontraproduktiv. Im Zeitalter des Individualismus fühlen sich die Leute sehr schnell bevormundet. Wir vom Impfausschuss begnügen uns mit eindeutigen Empfehlungen. Wer will, kann diese auf der Homepage des Gesundheitsministeriums nachlesen.

Standard: Herr Dr. Zoebl, was müsste passieren, damit Sie sich impfen lassen?

Zoebl: Für mich gäbe es nur eine einzige sinnvolle Impfung: die gegen die Angst. Aber die existiert leider nicht. Man braucht sich nicht vorsorglich vor Erregern zu schützen. Es reicht, wenn Sie die normalen Grundregeln der Hygiene befolgen – die in Österreich so gut sind, dass man getrost sogar noch eine Schaufel Dreck drauflegen könnte. (DER STANDARD, Printausgabe, 3. 4. 2006)

Das Interview führte Heidi Lackner

Zur Person

August Zoebl, geboren 1966 in Graz, studierte Medizin und praktizierte fünf Jahre als homöopathischer Arzt in seiner Heimatgemeinde Allerheiligen bei Wildon

Ende 2004 trat er aus der Ärztekammer aus und arbeitet seither als Management- Consultant im Gesundheitssystem. Zoebl ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist der Autor des Buches "Lesen Sie dieses Buch, bevor Sie Impfling", AEGIS-Verlag

Ingomar Mutz, Jahrgang 1941, hat seine Ausbildung zum Facharzt für Kinderheilkunde an der Medizinischen Universitätsklinik in Graz absolviert und 1965 abgeschlossen

Seit 1979 ist der Universitätsprofessor Primarius der Kinderabteilung im Krankenhaus Leoben und Vorsitzender des Impfausschusses des obersten Sanitätsrates. Mutz ist verheiratet, hat sechs Kinder und wohnt in Sankt Marein im Mürztal

Share if you care