Neuer Aufsichtsratschef Siegfried Sellitsch

11. Mai 2006, 16:34
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Ein alter Seebär am Steuerrad der Bawag - ÖGB holt sich den ehemaligen Generaldirektor der Wr. Städtischen als Nachfolger von Günter Weninger

Auch wenn das Versicherungsgeschäft 35 Jahre lang sein Leben dominierte, mit Banken, die wegen unprofitabler Kredite in Schieflage kamen, kennt er sich aus. Schließlich war Siegfried Sellitsch gerade zu jenem Zeitpunkt Aufsichtsratsvorsitzender der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA), als diese ihre Russland-Krise mit Verlusten von seinerzeit fünf Milliarden Schilling durchlitt.

Dass der ÖGB sich ausgerechnet den ehemaligen Generaldirektor der Wiener Städtischen Versicherung als Nachfolger von Günter Weninger für die Position des Aufsichtsratsvorsitzenden der durch die Karibik-Affäre in Schwierigkeiten geratenen Gewerkschaftsbank Bawag P.S.K. holt, liegt sowohl an seinem Nahverhältnis zur roten Reichshälfte als auch an seiner unbestrittenen fachlichen Kompetenz.

Workaholic

Auch wenn sich der am 2. September 1940 in Graz geborene Diplomkaufmann, Jurist und "Workaholic" seit Juni 2002 im offiziellen Ruhestand befindet – dreht die "rote Eminenz" des österreichischen Wirtschaftslebens keine Däumchen. Davon zeugen allein zehn Aufsichtsratsmandate (etwa in der Bank Winter oder bei Böhler-Uddeholm) sowie der Vorstandsposten in der Privatstiftung zur Verwaltung von Anteilsrechten.

Dabei hatte Jung Siegfried, Sohn einer Opernsängerin und eines Dirigenten, in jungen Jahren ganz andere Pläne, als ein im Nadelstreif gewandeter "Big Boss" der Finanzwelt zu werden, der schließlich die Wiener Städtische zum größten österreichischen Versicherungsunternehmen heranwachsen ließ. Wenn schon nicht die Welt erobern, so wollte er sie zumindest bereisen. Ein Jahr lang schipperte er als Seemann über die Weltmeere, arbeitete in Norwegen bei einem Papierkonzern und lernte nebenbei fleißig Sprachen. Sein Portfolio reicht von Norwegisch über Spanisch, Englisch, Französisch, Italienisch bis hin zu Schwedisch.

Erst seine spätere Frau machte ihn in Wien sesshaft, wo der als brillanter Analytiker und blendender Stratege geschätzte Sellitsch 1966 als Assistent des Vorstands der Wiener Städtischen seine Laufbahn begann. Die Versicherungsbranche wuchs ihm schließlich ans Herz. "Du kannst nirgendwo in einem Haus so viel erleben wie in Versicherungen und auch Banken. Es ist einfach spannend", begründete er dies einmal. Man kann annehmen, dass ihm in der Bawag sicher nicht fad wird.

Hobby-Philosoph

Wertschätzung erlangte Sellitsch in der Folge nicht nur aufgrund seiner Management- Fähigkeiten, sondern auch aufgrund seines trockenen Schmähs und Humors. Trotz seiner Zugänglichkeit hielt der belesene Hobby-Philosoph, Freimaurer und Kunstliebhaber, Weinkenner und Tennisspieler sein Privatleben stets gut unter Verschluss. (Karin Tzschentke, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2.4.2006)

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    foto: standard/corn
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