Verlorene Jugend

28. Mai 2006, 19:59
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Fehlende Perspektiven und der Rückzug des (Sozial-)Staats verstärken die Unsicherheit - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Protestierende Praktikanten, Polizisten, die die Sorbonne stürmen, und eine Berliner Schule, die vor der alltäglichen Gewalt kapituliert – die Bilder einer "durchgeknallten", aufgegeben: nicht nur im Kino sieht man Bilder einer verlorenen Jugend, die über Gewalt – wie in Berlin Neukölln – oder über organisierten Protest – wie an der Sorbonne – Dampf ablässt. Was zum Sprengstoff geworden ist, ist klar: fehlende Perspektiven und der Rückzug des (Sozial-)Staats verstärken die Unsicherheit in einer Altersphase der grundsätzlichen Orientierung und Suche nach dem eigenen Weg und Platz in der Gesellschaft.

10,5 Prozent beträgt die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich, deutlich unter dem EU-Durchschnitt (18,6 Prozent), Frankreich (22 Prozent) und Deutschland (15 Prozent). Trotzdem ist der Pessimismus besonders ausgeprägt: 62,5 Prozent glauben, dass ihr Einkommen in zehn Jahren unter dem ihrer Eltern liegt. Mit dem CPE-Gesetz versucht Paris die Hemmschwelle bei Neueinstellungen von Jugendlichen zu senken – eigentlich vernünftig, denn zahlreiche Studien belegen, dass ein erhöhter Kündigungsschutz beschäftigungsfeindlich ist.

Was aber bleibt, ist die Angst und die Unsicherheit. Denn die Anzahl unbefristeter Stellen Neueinsteiger ist in den vergangenen 20 Jahren von zwei Drittel auf unter die Hälfte gesunken. Den steigenden Anforderungen stehen abnehmende Sicherheitsleistungen gegenüber. "Die Mehrheit glaubt inzwischen, dass sich sozialer Fortschritt und globalisierter Kapitalismus nicht vereinbaren lassen", so der Soziologe Alain Touraine.

1. Anpassung der Ausbildung an neue Anforderungen: "Junge qualifizierte Talente entscheiden unsere Zukunft", ist das Credo, der "Mangel an qualifiziertem Nachwuchs" in vielen Branchen als Problem erkannt. In einer Studie der Commerzbank, die mehr als 4000 Unternehmen befragte, zeigten sich viele Firmenchefs unzufrieden: die Berufsanfänger erwiesen sich als überfordert, zwischen Universität und Praxis klaffe eine große Lücke. Ursache: Wie die Bildungsdiskussion zeigt, sind Institutionen langsamer reformierbar als Unternehmen. Nicht nur sinkendes Angebot und steigender Bedarf an Ausbildungsplätzen klaffen auseinander, auch die gelehrten und geforderten Fähigkeiten.

2. Einstieg erleichtern, Leistungen anerkennen: Bestsellerautorin Corinne Meier weist in "Bonjour Paresse" auf den verloren gegangenen Ausbildungscharakter von Praktika zugunsten der reinen Arbeitsleistung. Eine Überprüfung und Bewertung der Praxisausbildung ist daher wichtig. Unternehmen, die Werthaltiges anbieten werden sich im Wettbewerb abheben.

3. Altersunabhängige "Phasenmodelle" anbieten: "Forever Young!", Schlachtruf und Verheißung der Rebellen in den 60er und 70er Jahren, ist popkulturell Realität, ökonomisch zur Pflicht lebenslangen Lernens, Neu-Orientierens und Neu-Anfangens geworden – für alle, auch jenseits der 26. Die Wut der französischen Jugendlichen, dass nur für sie die verschlechternden Kündigungsbedingungen gelten sollen, während die ältere Generation Privilegien behält oder ausbaut, zeigt das Problem. Es ist höchste Zeit für Unternehmen, Angebote zu entwickeln, die Ausbildungs-, Arbeits-, und "Aus"-zeiten ermöglichen. Zum Weg ins Erwachsenenleben gehört die Auseinandersetzung mit dem "Establishment", auch wenn es nicht mehr um "Ausstieg" und Selbstverwirklichung jenseits, sondern Einstieg und Entfaltung innerhalb der Institutionen geht. Es genügt nicht, die Anpassung an "Realitäten" und "Notwendigkeiten" zu fordern und zu verordnen – sie muss zwischen den Generationen in der Gesellschaft ausgehandelt werden – und Protest macht darauf aufmerksam.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Mitglied des europäischen Management Teams. kolumne.at@bcg.com
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