Die Aufmerksamkeit bündeln

11. Jänner 2007, 16:23
24 Postings

Wer konzentrierter arbeitet, erreicht mehr und ist gelassener. Zusammen­fassung eines Gesprächs mit Verena Steiner, Expertin für Lerntechniken

Wissen und Können sind zwar notwendige, heute aber längst keine hinreichenden Voraussetzungen mehr für den Arbeitserfolg. Das Verhalten entwickelt sich mehr und mehr zum Zünglein an der Erfolgswaage. Und nicht nur im Umgang mit anderen! Der Grundstein zum Verhaltenserfolg wird im Umgang mit sich selbst gelegt! Und die Fähigkeit, sich konzentrieren zu können, spielt bei der heutigen beruflichen Anspannung und Unrast dabei eine Hauptrolle. Wer seine Aufmerksamkeit fokussieren kann, dem gelingt nicht nur mehr und Besseres in kürzerer Zeit, der schont auch seine Nerven und hat eine merklich angenehmere Ausstrahlung und gewinnendere Außendarstellung als seine wuseligen Kollegen.

Was heißt Konzentration?

Sich nicht ständig von irgendwem oder irgendwas ablenken zu lassen! Im Gespräch oder bei der Bearbeitung einer Aufgabe. Sich zu konzentrieren, bedeutet mithin, ganz bei einer Sache zu sein. Also die Welt um sich herum auszublenden und die Aufmerksamkeit ungeteilt einem Tun zuwenden, statt mit allen ausgefahrenen Antennen im Kopf ständig auf dem Sprung und dadurch abgelenkt, sprich unkonzentriert zu sein. Um diese volle Konzentration zu erreichen, ist es notwendig, innerlich zur Ruhe zu kommen.

Doch Arbeit ist heute in vielen Fällen ein Synonym für Aufregung und Stress. Der Kopf ist voll. Die Gedanken jagen einander. In diesem Zustand zur inneren Ruhe zu finden ist nicht leicht. Das gelingt, wenn die Aufmerksamkeit zunächst ganz bewusst auf den Atem gerichtet wird. Und dann auf den Körper. Durch die bewusste Wahrnehmung der Atmung lässt sich der Fokus nach innen richten. Das ist im Übrigen uraltes Wissen. Im bekannten Satz "Erst mal tief durchatmen!" kommt das zum Ausdruck.

Danach richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Körper. Dabei wird auf verspannte Stellen wie die Kiefermuskulatur (=zusammengebissene Zähne!), die in Falten gelegte (=krause) Stirn oder den steifen Nacken (=Schulterverspannung) geachtet und versucht, sich zu entkrampfen. Dadurch kommen Körper, Geist und Seele wieder ins Gleichgewicht. Man wird zentriert, gewinnt Abstand. Hilfreich dazu ist aber auch, für äußere Ruhe zu sorgen.

Konzentration braucht doppelte Ruhe

Doch wie gesagt, gerade wenn am Arbeitsplatz Konzentration gefragt wäre, tobt dort nur zu oft der Bär, um es einmal salopp auszudrücken. Eine ausweglose Situation? Nein! Eine große Rolle spielt die eigene Einstellung zu den äußeren Störungen. Je mehr man sich darüber ärgert, desto mehr lenken sie ab. Unverzichtbarer Wegbereiter der Konzentration ist deshalb auch Gelassenheit!

Wer nach belastbarer Konzentrationsfähigkeit strebt, sollte sich darin üben, Umgebungsbeeinträchtigungen zu ignorieren. Dadurch gelingt es allmählich, sich nicht unterbrechen zu lassen.

Gerade bei schwierigen oder unangenehmen Aufgaben dauert es, bis man gedanklich und gefühlsmäßig in der Thematik ist. Der Geist muss sich zunächst einmal orientieren, das vorhandene Wissen aktivieren und sich in die Sache hineinversetzen. Auch auf der emotionalen Ebene braucht es eine gewisse Zeit zur Einstimmung. Dranbleiben ist darum bei schwierigen und unangenehmen Aufgaben ganz besonders anspruchsvoll.

Gedankenfluss

Jede Störung unterbricht den Fluss der Gedanken, löscht Inhalte im Kurzzeitgedächtnis und löst wieder innere Unruhe aus. Danach erneut die Konzentration aufzubauen braucht Zeit! Darum: Über den Tag hin ein selbstverständliches ungestörtes Zeitfenster schaffen und es für die anspruchsvollen Aufgaben nutzen! So wird es mit der Zeit auch immer leichter, konzentriert eins nach dem anderen zu tun.

Je größer der Berg an Unerledigtem und je hektischer das Umfeld, desto größer ist die Verleitung, Multitasking zu betreiben: während des Telefonierens am Bildschirm weiterzuarbeiten, dem Kollegen, der kurz hereinschaut, schnell eine Auskunft zu geben, nebenbei noch Unterlagen wegzuräumen, sich im Kundengespräch wiederholt unterbrechen zu lassen. Wer das allzu häufig praktiziert, sabotiert seine Konzentrationsfähigkeit.

Das Gehirn gewöhnt sich rasch an die vielen Reize, und die Konzentration auf nur eine Sache wird bald als langweilig und frustrierend empfunden. Das Verzetteln wird zur Norm. Dazu kommt, dass viele Dinge sofort wieder vergessen werden. Denn Erinnerung beruht auf einer zuvor erfolgten vollen Konzentration auf eine Sache. Diese volle Aufmerksamkeit geht verloren, wenn Multitasking zum herrschenden Verhalten wird. Nicht zuletzt deshalb verlangt Konzentration auch, einen kühlen Kopf zu bewahren.

>>>Nicht den Kopf verlieren

Nicht den Kopf verlieren

Immer wieder gibt es unerwartete, scheinbar nicht zu bewältigende Aufgaben oder extreme Situationen, wo sich vieles ballt. Da lauert die Gefahr, den Kopf zu verlieren. Denn so unter Stress werden die für das Koordinieren, Priorisieren und Organisieren unserer Gedanken höheren Denkfunktionen des Großhirns weit gehend ausgeschaltet. Dafür werden entwicklungsgeschichtlich ältere, primitive Regionen aktiviert. Das Gehirn schaltet auf den Survival- Mode. In diesem Zustand reagiert der Mensch aber impulsiv statt überlegt. Dadurch verliert er rasch die Um- und Übersicht. Und die geistige Flexibilität. Aktionismus, Tunnelblick und Schwarz- Weiß-Denken herrschen vor. Und das führt zu kurzsichtigen und falschen Entscheidungen, vermehrten Fehlern und noch mehr Stress!

Wer spürt, dass er in eine Drucksituation gerät, für den gilt es, dem Survival-Mode zuvorzukommen, kühlen Kopf zu bewahren und umso ruhiger zu werden, je aufgeregter die Umgebung ist. Es bringt nichts, im Survival-Mode Entscheidungen zu fällen, Diskussionen zu führen oder sich aufgeregt auf eine Aufgabe zu stürzen. Im Survival-Mode fehlt die geistige Distanz, die es erlaubt, die Dinge zu überblicken, das Wesentliche zu sehen, die Folgen von Entscheidungen und Aktivitäten abzuschätzen. Außerdem ist es in einer solchen Situation schlicht unmöglich, sich intelligent zu organisieren.

Gute Organisation

Doch Konzentration braucht auch gute Organisation. Wer sich klug organisiert, kann sich besser auf die einzelnen Aufgaben einstellen und sich darauf konzentrieren. Organisieren bedeutet vorbereiten und gestalten. Dies verlangt, vorauszudenken, die Dinge zu überblicken und zu strukturieren. Organisieren ist das, was getan werden sollte,‑ bevor etwas getan wird. Sich intelligent zu organisieren heißt mithin, sich selbst zu managen, statt sich vom Tagesgeschehen und/oder spontanen Außenanstößen treiben zu lassen. Dieser intelligenten, systematischen Organisation nützen drei Dinge:

eine Aufgabenliste,

ein Wochenplan und

die tägliche To-do-Liste.

Eine Aufgabenliste zu erstellen scheint vielleicht auf den ersten Blick unnötig. Deshalb braucht es dazu Überwindung. Es kostet Zeit, sich sämtliche – auch aufgeschobene und ausgeblendete Aufgaben – vor Augen zu führen. Doch am Ende ist es befreiend.

Die Auflistung zwingt dazu, zu ordnen und zwischen Wichtigem und weniger Wichtigem zu unterscheiden. Werden die Dinge dann priorisiert, zeigt sich plötzlich statt eines bedrohlich erscheinenden Arbeitsbergs eine gut überblickbare Arbeitslandschaft. Ein umsichtiger Wochenplan basiert auf den gesetzten Prioritäten. Sollen Ziele erreicht und die Konzentration auf das wirklich Wesentliche erfolgen, ist er das A und O. Er schützt vor Verzettelung, erleichtert die Tagesplanung und entlastet den Kopf. Die To-do-Liste schließlich sorgt für weitere Entlastung und dafür, dass nichts vergessen wird. Dieses Dreigestirn befreit vom belastenden Gefühl, die Dinge nicht im Griff zu haben. Und macht es möglich, die Aufmerksamkeit voll und ganz auf die jeweilige Aufgabe zu richten.

Rechtzeitige Pause

Vorausgesetzt allerdings, es wird nicht vergessen, sich rechtzeitig eine Pause zu gönnen. Ein ermüdeter, angespannter, ausgelaugter Geist funktioniert schlicht und einfach miserabel. Kein Mensch kann sich während Stunden ohne Unterbrechung wirklich konzentrieren. Je heikler eine Aufgabe ist, desto mehr erfordert sie den Rhythmus von Anspannung und Entspannung. Aber eine Pause regeneriert ja nicht nur. Sie fördert auch den Denk- und Gedächtnisprozess.

Das Gehirn arbeitet nämlich während des Pausierens weiter. Unverstandenes und Kompliziertes klärt sich, zusätzliche Ideen kommen auf, und zuvor erworbene Gedächtnisinhalte werden gefestigt. Eine Pause schafft auch Distanz zu den Dingen. Danach arbeitet man umsichtiger und betrachtet die Dinge mit "frischem" Blick.

Doch nicht jede Pause ist eine Pause. Zeitung lesen, am PC surfen oder angeregte Diskussionen mit Kollegen mögen dem Gemüt gut tun, aber es sind keine Pausen fürs Gehirn. In den Pausen muss der Geist entspannen und auf Freilauf schalten können. Es darf nichts Neues oder Aufregendes dazukommen. Faulenzen, herumtrödeln oder Teetrinken ist angesagt. Ein wichtiger Aspekt ist auch der Zeitpunkt des Pausierens. Sobald sich die ersten Zeichen von Anspannung oder Ermüdung bemerkbar machen, ist die Zeit für ein kurzes Innehalten.

Sich so zu verhalten schafft die Voraussetzungen dafür, wirklich Flow zu erleben, diesen wunderbaren Zustand, in dem man eins ist mit dem, was man tut. Im Flow ist man einfach voll konzentriert. Der Mensch ist völlig von seinem Tun absorbiert, vergisst die Zeit und sich selbst, fühlt sich entspannt, geistig wach, es fließt (=flow)! Ein unnachahmliches Gefühl!

Im Flow arbeitet das Gehirn äußerst ökonomisch. Außerdem ermüdet es weniger, weil nur die wirklich nötigen Bereiche des Gehirns aktiviert werden. Der größte Nutzen des Flows liegt jedoch auf der emotionalen Ebene. Denn Flow-Erlebnisse werden als hoch angenehm empfunden und zeigen sich als Glücksgefühl und tiefe innere Zufriedenheit. Warum?

Mihaly Csikszentmihalyi, amerikanischer Psychologieprofessor und Vater der Flow- Theorie, erklärt dies mit der Ordnung im Bewusstsein. Bei hoher Konzentration und im Flow sind unsere Aufmerksamkeit, unser Denken, unser Wünschen und Wollen ganz auf die Aufgabe fokussiert. Diese Bündelung gleicht einem geordneten Fließen in dieselbe Richtung, und diese Kohärenz vermittelt das ebenso beglückende wie leistungsfördernde Gefühl innerer Harmonie. (Der Standard, Printausgabe 1.4.2006)

Von Hartmut Volk

Zum Weiterlesen:

Verena Steiner: Sich besser konzentrieren heißt…Die wirksamsten Strategien für Studium und Berufsalltag. Pendo Verlag, Zürich 2006, 83 Seiten,‑ € 12,90

Verena Steiner: Exploratives Lernen – Der persönliche Weg zum Erfolg. Ein Arbeitsbuch für Studium, Beruf und Weiterbildung. Pendo Verlag, Zürich, 9. Auflage 2005, 246 Seiten,‑ € 17,70

Verena Steiner: Energiekompetenz. Produktiver denken, wirkungsvoller arbeiten, entspannter leben. Eine Anleitung für Vielbeschäftigte, für Kopfarbeit und Management. Pendo Verlag, Zürich, 5. Auflage 2005, 285 Seiten, € 19,90

  • Öfters Pausen machen
    foto: photodisc

    Öfters Pausen machen

Share if you care.