Zweifelhafte Medizin aus dem Netz

16. Mai 2006, 13:25
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Die Weltgesundheits­behörde WHO fordert eine neue Eigenmächtig­keit des Patienten - Doch Recherchen zu Krankheiten sind im World Wide Web mitunter riskant

Anonym. Ohne Voranmeldung. Kostenlos. Aber das Beste an Besuchen beim Net- Doktor oder auf Gesundheitsportalen: nicht das kleinste Wehwehchen ist peinlich. Pochende Schmerzen in der linken Ferse? Eine leichte Rötung rund um die Nase? Die Experten im Web glänzen bei jedem Zipperlein mit Fachwissen – schon nach wenigen Minuten kennen Ratsuchende meist die gesamte Palette der Krankheiten, die sich hinter ihrem jeweiligen Symptom verbergen könnte.

Boom Gesundheitsportale

Online-Gesundheitsportale boomen; die Zahl der Patienten, die mit einer fixfertig erstellten Diagnose in die Praxis ihres Hausarztes marschieren, steigt. "Es gibt Leute, bei denen wird das regelrecht zur Sucht," bestätigt der Wiener Allgemeinmediziner Rolf Jens, "aber kein Mensch kann sich selbst diagnostizieren. Sogar ein ausgebildeter Arzt wird dabei immer seiner subjektiven Einschätzung unterliegen." Auch Professor Robert Schlögel, Leiter des Bereichs für medizinische Angelegenheiten im Gesundheitsministerium, warnt vor eigenhändig ermittelten Diagnosen: "Bei Symptomen, die vom Normalen abweichen, muss eine Ordination aufgesucht werden." Erst nachdem ein medizinischer Befund vorliegt, mache es Sinn, so die Netzdoktor-Kritiker, online nach Beratung zu suchen: Vorausgesetzt, sämtliche Web-Infos stammen aus wissenschaftlich fundierten Quellen.

Nachdenken über Gütesiegel

"Es müsste über eine Art ´Gütesiegel´ nachgedacht werden, das den Menschen ein Auffinden von empfehlenswerten Seiten erleichtert," so die Stellungnahme der Österreichischen Ärztekammer, die prinzipiell alle seriösen Informationsschienen begrüßt. Denn der aufgeklärte, mündige Klient liegt im Trend; die Weltgesundheitsbehörde WHO fordert mehr "Empowerment" – Fähigkeit zu selbstbestimmten Handeln. Nur mittels Eigeninitiative kann der Mensch sein gesamtes gesundheitliches Potenzial optimal nützen, heißt es in der Ottawa- Charta der Organisation.

Selbstbestimmung bei Arzneimitteln

Soll Selbstbestimmung auch für Medikamenten gelten? Die rezeptfreien Top-Seller in heimischen Apotheken waren 2005 "Supradyn", Vitamintabletten, gefolgt von "Aspirin C", "Nicorette" (Rauchentwöhnung) und das Schmerzmittel Thomapyrin. "Viele Leute täuschen sich mit der Einnahme von Vitaminpräparaten vor, etwas Gutes zu tun," kritisiert Allgemeinmediziner Norbert Jachimowicz, der Selbstengagement in Sachen Bewegung und ausgewogener Ernährung für sinnvoller hält.

Keine Qualitätskontrolle bei Medikamenten aus dem Internet

Ebenso wenig sinnvoll: Sich eigenmächtig im Internet Medikamente zu ordern. In Österreich ist der Vertrieb von Arzneimitteln über das Netz – im Gegensatz zu Deutschland –illegal. "Es gibt keinerlei Qualitätskontrolle und -zig Fälle von Leuten, die betrogen wurden. Die bestellen Viagra und kriegen Staubzucker," berichtet Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin an der Uni Wien.

Laut WHO sind zehn Prozent aller Medikamente weltweit gefälscht und gelangen ausschließlich über den Versand in Umlauf: Geänderte Haltbarkeitsdaten, veränderte Beipacktexte, gänzlich ohne Wirkstoffe oder mit gesundheitsschädigenden Ingredienzien – die Zahl manipulierter oder nicht zugelassener Pillen nimmt rapide zu.

Warnung vor Internetkauf

Ende März warnte auch die Europäische Kommission vor den Gefahren des Internets: In den letzten fünf Jahren waren in den EU-Ländern, laut einer kürzlich durchgeführten Untersuchung, 170 verschiedene gefälschte Medikamente im Umlauf. Beliebte Fälschungsobjekte sind vor allem Lifestyle-Präparate wie Appetitzügler und Potenzmittel, oder Wachstumshormone zum Muskelaufbau und Schlafmittel.

Österreicher kaufen lieber in Apotheke

Die österreichische Bevölkerung möchte aber ohnehin keine Medikamente per Mausklick ordern. Eine Studie des Instituts für Sozialmedizin ergab, dass 93 Prozent der Befragten Arzneimittel ausschließlich in der Apotheke kaufen wollen. Und damit das auch in Zukunft so bleibt, beschreitet der Wiener Apotheker Christian Wurstbauer derzeit neue Wege der Kundenbetreuung und -bindung. Seine Initiative ´APO.K-Karte´ sorgte europaweit für Aufmerksamkeit und lief als Pilotprojekt schon erfolgreich in mehreren Bundesländern. Das Konzept des von ihm entwickelten ´Arzneimittelsicherheitsgurts´: Sämtliche Medikamente – inklusive der rezeptfreien – die ein Kunde bezieht, werden in einer Kartei gespeichert und jede neu verordnete Arznei wird mit Hilfe einer speziell entwickelten Software sofort auf Wechsel- und Nebenwirkungen mit den bereits registrierten Präparaten des Patienten überprüft. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 4. 2006)

Von Carolin Giermindl
  • Immer mehr Patienten suchen medizinische Informationen im Internet
    foto: photodisc

    Immer mehr Patienten suchen medizinische Informationen im Internet

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