Kopf des Tages: Rafael Eitan

30. März 2006, 18:51
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Mit 79 Jahren ein Jungstar in der Politik

Nach der ersten Verblüffung darüber, dass die Rentner plötzlich als Jungstars auf Israels politischer Bühne standen, wurde die Gil-("Alter")Partei sofort als bloße Filiale und automatische Koalitionspartnerin der siegreichen Kadima-Partei eingestuft. Doch der bebrillte und gebrechliche, aber quicklebendige kleine Herr, der die Liste anführt, entpuppte sich als Politiker, der sich aufs Lizitieren versteht: "Wir werden auf dem Platz sein, der es uns erlauben wird, uns um unsere Anliegen zu kümmern, die Anliegen der Pensionisten", rief Rafael Eitan mit seiner schnarrenden Stimme in die Mikrofone.

Die silbergrauen glorreichen sieben, unter ihnen eine Dame, die jetzt ins Parlament einziehen werden, sind über Nacht die Lieblinge der Nation geworden. Einige haben beeindruckende Karrieren bei der Gewerkschaft oder den Elektrizitätswerken hinter sich, die schillerndste Figur ist aber der 79-jährige Eitan, der viele Jahre lang in führenden Funktionen beim Inlandsgeheimdienst Schin Bet und beim Auslandsgeheimdienst Mossad gedient hat. Im Mai 1960 war Eitan dabei, als ein Mossad-Kommando den prominenten Naziverbrecher Adolf Eichmann in Buenos Aires schnappte.

In den 70er-Jahren leitete Eitan die Operationsabteilung des Mossad in Europa, und in den 80er-Jahren spielte er eine zentrale Rolle in der "Pollard-Affäre", die Israels Beziehungen zu den USA belastete. Er hatte Jonathan Pollard, einen Beamten des US-Marinenachrichtendienstes, als Spion für Israel rekrutiert. Pollard sitzt wegen Geheimnisverrats lebenslang im Gefängnis, Eitan kann sich seither in den USA nicht mehr zeigen.

Als Berater der Likud-Premiers Begin und Shamir und langjähriger Freund seines Altersgenossen Ariel Sharon hat Eitan seine politischen Wurzeln im rechten Lager. Von Sharon soll Eitan dann das Versprechen bekommen haben, dass drei Plätze auf der Kadima-Liste für Pensionistenvertreter reserviert würden, doch nach Sharons Zusammenbruch rutschten sie an unwählbare Stellen - und wagten den Alleingang.

Ihr Erfolg, den kein Meinungsforscher vorhersah, ist dabei nicht etwa ein Indiz für die Überalterung der israelischen Bevölkerung. Erst in den letzten Tagen vor der Wahl war offenbar unter jungen Leuten eine Art Modetrend losgetreten worden, unter der Parole "Rettet unseren Opa" ausgerechnet die Rentnerpartei zu wählen - teils aus Jux, teils als Protest gegen die etablierten Parteien und teils aus echter sozialer Anteilnahme. Israels Sozialversicherungspensionen haben Bettelniveau, in den letzten drei Jahren haben Reformen die Lage der 720.000 Altersrentner noch verschlechtert - aber Eitan und seine Freunde wollen jetzt dafür sorgen, dass die Alten wieder Zukunft haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.3.2006)

von Ben Segenreich
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