Frankreich: Neuer schwieriger Prozess um "Kinderschänder"

31. März 2006, 15:49
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Von den elf mutmaßlichen Opfern bestreiten mehrere, missbraucht worden zu sein

Saint-Omer – In Nordwestfrankreich ist derzeit ein zweiter Prozess gegen mutmaßliche Kinderschänder aus Outreau im Gang. Der Name Outreau (eine Vorstadt von Boulogne- sur-Mer) steht für einen der größten Justizskandale der französischen Geschichte. 13 Einwohner eines sozialen Brennpunkts von Outreau waren zu Unrecht des Kindesmissbrauchs verdächtigt und zum Teil jahrelang inhaftiert worden, erst im Dezember vergangenen Jahres wurden die letzten sechs freigesprochen.

Parallelen

Der neue, in Saint-Omer abgehaltene Prozess gegen sieben Angeklagte weist beunruhigende Parallelen zu dem prominenten Fall auf. Die Beschuldigten, drei Paare und eine Frau über 60 Jahre, sollen in den Jahren 1994 bis 2001 ihre elf Kinder beziehungsweise Enkel sexuell missbraucht haben.

Die Vorwürfe beziehen sich damit auf denselben Zeitraum wie im ersten Outreau-Prozess. Auch die Beweislage ist schwierig: Von den elf mutmaßlichen Opfern bestreiten mehrere, missbraucht worden zu sein. Zudem hatte eines dieser Kinder bereits im ersten Prozess einen Priester des Missbrauchs beschuldigt und seine Aussage später zurückgezogen.

Fälschlich beschuldigt

Als Zeugin der Anklage soll außerdem die Frau aussagen, die den als „Affäre Outreau“ bekannt gewordenen Justizskandal ins Rollen gebracht hatte. Myriam Delay, mittlerweile zu 15 Jahren Haft verurteilt, hatte im ersten Prozess zahlreiche Nachbarn zu Unrecht beschuldigt. Sie soll damals auch einigen der jetzt vor Gericht stehenden Angeklagten vorgeworfen haben, sich an ihren Kindern vergriffen zu haben.

Selbe Sachverständige und Polizisten

Darüber hinaus wurden die Ermittlungen für beide Gerichtsverfahren von der gleichen Polizeibrigade in Boulogne- sur-Mer geleitet. Selbst die Sachverständigen, die zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit der kindlichen Zeugen herangezogen wurden, sind dieselben.

Nach den Freisprüchen im ersten Outreau-Prozess wurden im Dezember vorsorglich auch die Angeklagten im aktuellen Fall aus der Untersuchungshaft entlassen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie bereits 33 bis 38 Monate im Gefängnis verbracht. Alle Beschuldigten sind miteinander verwandt oder verschwägert: Es handelt sich um drei Brüder, die mit drei Schwestern verheiratet sind, und um die Mutter der Schwestern. (AP, DER STANDARD Printausgabe, 31.03.2006)

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