Erotika im Netz, Sehnsucht im Herzen

31. März 2006, 20:38
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Im Porträt: Dorothee Hartinger spielt in Bauersimas neuem Stück "Boulevard Sevastopol" am Akademietheater

Wien – Im elegant schnurrenden Maschinentheater des gelernten Architekten Igor Bauersima landet man irgendwann immer bei der Identitätsfrage: Was ist es, das in uns stiehlt, lügt, den Projektor der Liebessehnsucht anwirft? Bauersimas neues Stück "Boulevard Sevastopol", dessen Text vor der Uraufführung im Wiener Akademietheater (31.3. 19.30 Uhr) nicht frei gegeben ist, treibt die Beweisführung sozusagen auf die Virtualitätsspitze.

Zuletzt widmete sich Bauersima, der (im Verein mit Réjane Desvignes) selbst schreibt, inszeniert und den Beamer einschaltet, der Galanterie des 17. Jahrhunderts. Das Netz der Virtualität wurde um das Geflecht der Reifröcke erweitert. Bauersima-Stücke sind immer auch Schnitzeljagden und Rätselrallyes. Aber fragen wir Hauptdarstellerin Dorothee Hartinger, die eine Auswanderin spielt, die in Wien zwischenlandet.

Hartinger: "Anna ist Russin. Alle in dem Stück, bis auf eine Figur, sind Russen! Sie hat auf einer erotischen Website nackt posiert, um ihre Schleppergebühren abzubezahlen. Das Stück setzt nun am letzten Abend in Wien ein: Sie hat das Geld beisammen und sagt, jetzt gehe sie nach Paris, um dort Medizin zu studieren."

Früher fuhr man nach Paris ganz anderer Dinge wegen. Hartinger lacht: "Nein, was sie dort wirklich treiben wird, bleibt in Bauersimas Stück völlig offen." Der Clou der Geschichte bestehe in einer galanten, vielleicht sogar frivolen Versuchsanordnung: "Der Mann, den sie im Netz kennen und lieben gelernt hat", erzählt Hartinger, "ist jemand, den sie kennt und nicht mag – der Sohn ihres Schleppers. Dem sie verpflichtet ist, der treibt jeden Monat das Geld ein. Im Netz nennt er sich ,Zed‘. Die Vorliebe der beiden Figuren besteht nun darin, einander im Netz Geschichten zu erzählen."

Zweierlei Blick

Zur Verwirrung trägt gewiss bei, dass er sie sehen kann, sie aber ihn nicht. "Anna ist naiv, weil sie nichts weiß, er aber von ihr alles." Beide wollen nach Paris. "Im Netz findet sie ihn großartig. Viele ,User‘ finden heutzutage doch im Netz die Liebe ihres Lebens!" Hartinger lacht hellauf. Man ist sich nicht sicher, ob sie den Segnungen der virtuellen Beziehungsanbahnung traut. "Die letzte Geschichte dient zur Auffüllung des Umrisses."

Hartinger: "Wir haben Theater vor uns. Bauersima bedient sich der Projektionen. Letztlich haben wir einen Weg gefunden, das Springen zwischen den Realitätsebenen sinnfällig zu machen."

Bei einem der letzten Durchläufe habe noch die Technik versagt. "Da hat man überhaupt nichts verstanden! Die brauchen auch Zeit zum Üben, und das können sie erst, wenn alles am Ende zusammenkommt." Wenn alles klappt, dann treten die Figuren aus dem Stück heraus. Noch lache sie "fatalistisch", sagt Hartinger. Das werde eben "knapp" am Ende: "Die Technik will bewältigt sein." Zwischendurch spielt sie ja auch noch das Fräulein Else.

Einzige Identität

"Es geht um Identität", sagt Hartinger. Ihr sei das völlig fremd, im Internet Bekanntschaften zu schließen. Geschweige denn, sich via Mausklick zu verlieben. Anderen gehe es eben anders. Hartinger zuckt die Schultern: "Igor Bauersima beschäftigt das: Was macht uns aus, was ist eine Beziehung im Zeitalter der Fiktionalisierung?" Fühlt sie sich, ganz real, in Wien angekommen? "Ich bin ein Teil des Burgensembles geworden. Arbeit ist schon eine der wichtigeren Sachen. Ohne Lobhudelei: Das Publikum hier ist unglaublich."

Sie sei zehn Jahre in Frankfurt gewesen, auch in Berlin. Hier, in Wien, würde das Theater in den Alltag mit genommen. Hartinger, das schmerzensreiche, wunderbar geerdete Gretchen in Peter Steins Monumental-Faust, hat zahllose Rollen gespielt: den Theaterzettel querbeet, unter der Anleitung von Thomas Ostermeier, Theu Boermans oder eben – immer wieder – Bauersima. Ihre Zukunft sieht sie, wie so viele Ein-, Zweijahresvertragsinhaber, ungewiss: "Ich habe noch ein Jahr. Alles andere wird von der neuen Direktion abhängen. Weniger, ob ich bleiben will, als ob derjenige mich will."

Hartinger selbst ist über Gebühr bescheiden: "Man muss sich auch nichts vormachen. In meinem Alter sind Frauen keine Mangelware. So ist Theater, damit muss man leben. Ich will mich nicht mehr ängstigen und schrecken müssen." Theater sei ein "unruhiges Pflaster". In Deutschland stehe es sogar "auf der Kippe": "Weil die Zuschauer nicht kommen!" Das kenne man hier nicht. "Und wenn, wie im Falle des Wiener Volkstheaters, Probleme auftreten, wird sofort alles infrage gestellt."

Man werde älter, die Rollen würden weniger: "Und dann gibt es an der Burg 15 Superfrauen in meinem Alter. Das ist so. Man darf sich doch zurecht ängstigen. Auch wenn ich mich dem nicht unterordnen will. Ich kann mir aber auch Berlin vorstellen. Oder Bochum oder Stuttgart." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.3.2006)

Von Ronald Pohl
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    Strandgut in Wien: Dorothee Hartinger als "Anna" in Igor Bauersimas "Boulevard Sevastopol".

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