PC hilft Autisten bei sozialer Interaktion

30. März 2006, 15:58
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Software erkennt Mimik

Wissenschaftler vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben einen Computer entwickelt, der ein Vibrationssignal aussendet, sobald der Gesprächspartner gelangweilt ist oder den Faden verloren hat. Das System soll Autisten bei der Kommunikation helfen, meldet das Magazin New Scientist.

Nonverbale Signale fehlen

"Menschen mit Autismus können nonverbale Signale nicht wahrnehmen und erfahren aufgrund der ungewöhnlichen Gesprächssituation oft Ablehnung, da sie keine Gesichter und keine Mimik erkennen können", erklärt Maria Kaminski von Autismus Deutschland im Gespräch mit pressetext. "Ein Autist muss zum Beispiel lernen, was lachen ist. Er wird selbst nie einen Witz erzählen und muss trainieren, dass man über Lustiges lacht."

Kamera und Brille

Das neu entwickelte System besteht aus einer kleinen Kamera, die an einer Brille befestigt und mit einem tragbaren PC verbunden ist. Dieser ist mit einer Software ausgestattet, welche die von der Kamera gesendeten Bilder erkennt und die darin gezeigten Gefühlsausdrücke analysiert. Um die Gefühle erkennen zu können, wurden in das Programm mehr als 100 jeweils acht Sekunden lange Clips eingespeist, in denen Schauspieler verschiedene Gesichtsausdrücke vorführen. Auf diesen Clips basierend analysiert die Software die Bewegungen von Augenbrauen, Lippe und Nase und das Neigen, Schütteln und Nicken des Kopfes und ordnet demnach Gefühlsausdrücken zu. Die Software hat derzeit bei Alltagsgesprächen eine Trefferquote von 64 Prozent. Wird die Mimik sehr deutlich dargestellt, erkennt die Software 90 Prozent richtig. Dabei kann sie zwischen Zustimmung und Ablehnung, konzentriertem Denken, Unsicherheit und Interesse unterscheiden.

Testphase

Das System befindet sich noch in der Testphase. Neben der Verbesserung der Software arbeiten die US-Forscher auch am Tragekomfort der Kamera. Eine ganz andere Herausforderung ist zudem, die Autisten dazu zu bekommen, ihrem Gegenüber in die Augen zu sehen. "Generell schauen Autisten niemanden ins Gesicht", berichtet Kaminski. "Man kann das zwar trainieren, aber selbst dann hat man das Gefühl, dass sie eher durch einen hindurch sehen." Für Autisten hat das Gesicht keinen Widererkennungswert. Sie erkennen andere Menschen eher am Klang der Stimme, am Geruch und durch abtasten, erläutert Kaminski. " Autisten schrecken zudem vor jeder Art von Berührung zurück und können sich schlecht in andere Menschen hineinversetzen", so die Vorsitzende von Autismus Deutschland. "Auf den ersten Blick erscheinen sie deshalb oft gefühllos."

Große Hilfe

Das neue Computersystem könne für Menschen mit Autismus eine große Hilfe sein, erklärt Maria Kaminski. "Jedes technische Gerät, das Autisten bei der sozialen Interaktion hilft, hat einen großen Wert", so die Autismus-Expertin. Das Gerät könnte nicht nur Autisten helfen, sondern auch in anderen Bereichen, etwa im Unterricht, eingesetzt werden. "Ich fände es toll, wenn ich ein Computer hätte, der mir sagt, wenn 20 Prozent meiner Studenten gelangweilt sind oder mir nicht mehr folgen können", meint Timothy Bickmore von der Boston University gegenüber New Scientist.(pte)

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