Zeit-Entwirrung

30. August 2006, 10:44
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Pünktlich ist relativ, erklärt Rupert Kerschbaum: Schließlich steht die Sonne in Simmering früher im Zenit als auf dem Stephansplatz oder in St. Pölten

Natürlich könnte Herr Kerschbaum auch die Sache mit der Sommerzeit genau erklären - so wie jedes Jahr: dass es da ursprünglich ums Energiesparen ging etwa. Auch, dass man diese Idee schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts gehabt, realisiert und wieder verworfen hatte und schon damals beständig - und ergebnislos - über ihre Sinnhaftigkeit stritt. Oder aber auch, dass es in England - im Zweiten Weltkrieg war das - sogar eine doppelte, weil Hochsommersommerzeit gab: Über die Sommerzeit, ihren Sinn, ihren Unsinn und die Umstellungsprobleme der Welt könnte Herr Kerschbaum wirklich lange erzählen.

Aber wer mit Rupert Kerschbaum nur ein paar Minuten geplaudert hat, erkennt, dass das nur die halbe Geschichte wäre, eine, die auch andere Leute erzählen könnten: Nett - aber längst nicht alles, was es über verschobene Zeiten zu sagen gibt, höchstens ein Einstieg.

Denn Rupert Kerschbaum weiß mehr: Der gelernte Uhrmacher hütet und pflegt schließlich Uhren. Professionell: Er ist Direktor des Wiener Uhrenmuseums - und dort liegen 6000 Zeitanzeiger. Aber auch privat: Kerschbaum "sammelt" öffentliche Uhren und ihre Geschichten: Er fotografiert sie - und dokumentiert auch Geschichten von und über die Zeit im öffentlichen Raum, über ihre Wahrnehmung, ihre Messung - und über die Relativität dessen, was als "pünktlich" gilt.

"Zeit vergeht subjektiv verschieden schnell"

Begonnen, erzählt der gebürtige Wachauer, habe es, als er eines Tages am Wiener Graben die "Uhr" auf dem ehemaligen Braun-&-Co-Haus sah: "Die zeigt immer zwei Minuten vor zwölf - einfach weil sie nur aufgemalt ist." Deshalb "habe ich dann angefangen, in der Stadt nicht mehr nur auf den Boden zu sehen: Ich habe begonnen, öffentlich sichtbare Uhren zu sammeln" - und ihre Botschaft zu hinterfragen: "Zeit vergeht ja subjektiv verschieden schnell - das macht sie so spannend."

So entdeckte der 49-Jährige dann die Relativität der Zeit, und zwar - ausgerechnet - in Wien-Simmering. Denn dort steht eine öffentliche Uhr, auf der die aktuelle Zeit an etlichen Plätzen der Welt angegeben wird. "Und da wird neben der Wiener Zeit auch die Simmeringer Zeit angegeben: In Simmering geht die Sonne eine Minute früher auf als auf dem Stephansplatz."

Geschichten zur Zeit

Doch so abwegig, wie es auf den ersten Blick scheint, ist die Sache mit der absoluten Ortszeit nicht, erklärt der Zeitsammler. Denn gerade Wien lebte lange in einer anderen Zeit. Während ganz Rest-Österreich 1897 die mitteleuropäische Normalzeit übernahm, sind in Wien die Uhren bis 1910 anders gegangen: Wien war exakt fünf Minuten und 21 Sekunden früher dran als Niederösterreich - und zwar, "weil sich der Leiter der Universitätssternwarte bis 1910 erfolgreich dagegen gewehrt hat, die mitteleuropäische Normalzeit zu übernehmen". Aber - weil es eh schon wurscht war - gab es auch noch unterschiedliche Zeiten in der Stadt selbst: Auf dem Stephansplatz wurde nämlich die präzise Ortszeit (gemessen am Höchststand der Sonne) angezeigt - und diese unterschied sich von der Sternwartezeit. Marginal, aber doch.

Dennoch folgten die Wiener Taschenuhren meist der "Sternzeit". Zum Stellen der Uhr (oder um zu beweisen, wie exakt sie ging) versammelte man sich zu Mittag vor den Feuerwachen - denn dorthin wurde ("elektrisch!" wirft Kerschbaum ein) das Zwölf-Uhr-Signal übertragen: 20 Sekunden vor zwölf begann ein Hammer auf vor den Feuerwachen montierte Blechhäfen zu schlagen - der letzte Schlag signalisierte "Punkt zwölf".

Freilich nicht überall: Ausgerechnet bei der Hauptfeuerwache am Hof funktionierte das Werkel so gut wie nie: "Zeit-Roulette war ein beliebtes Spiel zwischen den Marktfrauen und ihren Kunden", erzählt Rupert Kerschbaum. "Man wettete, wie oft der Hammer diesmal fallen würde - zwischen acht- und 17-mal war alles möglich." Und daran änderte es nichts, dass jeden Tag zu Mittag ein Feuerwehrmann mit einer langen Stange neben dem Läutwerk stand: "Hat der Hammer zu früh aufgehört, musste er manuell nachschlagen - oder aber den Hammer nach dem zwölften Schlag aufhalten."

Die Diskrepanz zwischen Wien und Österreich, betont der Zeitgeschichtler, habe dennoch keine praktischen Auswirkungen gehabt: "Die Wiener wussten, dass die Bahn nach einer anderen Uhr fuhr - und richteten sich danach." Und waren immer noch besser dran, als die Pariser: Dort gab es im 19. Jahrhundert nämlich die "Sonnenzeit" (mit jahreszeitlich bedingten Verschiebungen um bis zu 30 Sekunden), die "Pariser Zeit" sowie die französische "Bahnzeit": "Der Präfekt hat einfach nicht eingesehen, dass Mittag nicht immer genau zum Sonnenhöchststand sein sollte - darum galt eben auch die Sonnenzeit."

Noch schlimmer war es aber in den USA: Dort herrschte mitunter auf den Bahnhöfen eine geradezu babylonische Zeitverwirrung: "Jedes Bahnunternehmen fuhr nach seiner eigenen Uhr. Und diese wurde nach dem Sitz der Zentrale gestellt", weiß Kerschbaum - ergänzt aber, dass man bei gemeinsam genutzten Schienennetzen dann "sehr schnell Kompromisse" gefunden habe.

Keine Kompromisse in Zeitfragen

Aber "Kompromisse", korrigiert sich der Uhr-Historiker selbst, kann es in Zeitfragen nicht geben: Der Streit um die Zeithoheit, den die Wiener Sternwarte mit der Sturheit des gallischen Dorfes gegen den Rest Mitteleuropas führte, fand deshalb auch anderswo statt: In kanadischen Städten galten, sagen alte Uhrmacherzeitungen, demnach im späten 19. Jahrhundert noch ernsthaft formulierte amtliche Erlässe (inklusive Strafandrohung), wonach alle Uhren sich nach dem jeweiligen Rathaus-Zeitmesser zu richten hätten - prompt wurde unter "Renegade"-Uhren von ihren Besitzern (oft stolzen Uhrmachern, die Sonne über ihrem Geschäft als Maßstab nahmen) Schilder gehängt, die darauf hinwiesen, dass hier eine "amtlich falsche" Zeit angezeigt würde. Es gibt aber auch Berichte, dass Betriebe ihre Uhren jeden Tag neu stellten - nach Lieferanten oder vorbeifahrenden Zügen etwa.

Auch heute, trotz der globalen Synchronisation der Zeit, fände man, so der Direktor, noch Zeugnisse für die Relativität von Zeit: "In Wien zeigen viele Kirchtürme auf jeder Seite eine andere Zeit. Weil die Werke defekt und Reparaturen teuer sind." Doch das, findet Kerschbaum, sei keinesfalls so erniedrigend wie der mittelalterliche Brauch, besiegten Orten die Kirchenglocken wegzunehmen ("auch weil das Wissen, welche Stunde es geschlagen hat, als Privileg der Sieger galt"): "Ich finde das geradezu befreiend - weil man so darüber nachzudenken beginnt, ob man nicht doch mehr auf die einzige Uhr hören sollte, die wichtig ist: die, die in jedem von uns drin ist - und bei jedem anders geht."
(Thomas Rottenberg/Der Standard/rondo/31/03/2006)

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  • Dr. Emmett Browne beim Lösen eines Tickets für eine neue Zeitreise in "Zurück in die Zukunft".
    foto: der standard/heribert corn

    Dr. Emmett Browne beim Lösen eines Tickets für eine neue Zeitreise in "Zurück in die Zukunft".

  • Chronist der Zeit und ihres Nichtgleichlaufes: Rupert Kerschbaum, der Direktor des Wiener Uhrenmuseums.
    foto: der standard/heribert corn

    Chronist der Zeit und ihres Nichtgleichlaufes: Rupert Kerschbaum, der Direktor des Wiener Uhrenmuseums.

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