Siegeszug mit Silizium

2. Mai 2006, 14:23
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Die Vermählung der herkömmlichen Mechanik mit Silizium ist der Trend der Saison und bringt den neuen Modellen viele gute Eigenschaften: Leichtigkeit, Härte, Temperaturstabilität

Darf es etwas mehr sein? Technisch, optisch oder bei den Materialzutaten? So, wie es sich derzeit abzeichnet, wird das Uhren-Jahr 2006 im Zeichen der Opulenz stehen. Große Zeitmesser sind weiterhin "in". Aber ihre Dimensionen wachsen glücklicherweise nicht mehr. Irgendwie verkraften auch stärkste Handgelenke nicht mehr als etwa fünfzig Millimeter an Durchmesser. Nur bei der Höhe scheint der Gipfel noch nicht erreicht. Wen wundert's auch? Irgendwo muss die viele Technik ja hin.

Am beliebtesten ist hier weiterhin der Chronograf, denn dieser macht immer noch am meisten her. Wie es aussieht, stößt die gute alte Mechanik noch lange nicht an ihre Grenzen. Mittlerweile setzt die findige Uhrenindustrie auf Longlifetechnologie mit gestreckten Wartungsintervallen. Dazu gehört beispielsweise die Verwendung wartungsfreier Zirkoniumkugellager bei Aufzugsrotoren. Daneben zieht die Vermählung der überlieferten Mechanik mit dem Elektronikgrundstoff Silizium immer weitere Kreise. Nach Ulysse Nardin und Patek Philippe warten 2006 auch andere Hersteller mit Komponenten aus diesem leichten, harten, amagnetischen, temperaturstabilen Material mit spiegelglatter Oberfläche auf. Die klassische Ölschmierung wird überflüssig und Unruhspiralen aus Silizium weisen nach derzeitigem Erkenntnisstand beste Schwingeigenschaften auf.

Echte Mechanikpuristen erheben mittlerweile ihre kritischen Stimmen. Sie lehnen diese Symbiose glattweg ab, weil das nun wirklich zu viel des Modernen sei. Man wird sehen, welchen Verlauf dieser Ideologiendiskurs nehmen wird. Aufhalten lässt sich der Zug in die neue Richtung nicht mehr. Dazu ist sein Tempo bereits viel zu hoch.

Vor allem hat sich neben der Swatch Group und Patek Philippe auch Rolex intensiv an der Silizium-Materialforschung beteiligt. Wann die Marktmacht der Genfer Manufaktur durch entsprechende Produkte greift, lässt sich nicht absehen, denn in Sachen Information ist man dort traditionsgemäß so fest verschlossen wie eine "Oyster", Pardon, Auster auf gut Deutsch. Aber vielleicht wird der Schleier in Genf ein wenig gelüftet, denn Patente sind bereits eingetragen.

Automatikchronografen von Patek Philippe

Im brandneuen Automatikchronografen von Patek Philippe tickt das eigene Kaliber CH 28-520 IRM QA 24H noch auf ganz konventionelle Weise mit stündlich 28.800 Halbschwingungen. Der Stoppmechanismus besitzt ein klassisches Schaltrad und logischerweise eine "Flyback"-Funktion. Der Chronografenzeiger kann wegen der neuartigen Friktionskupplung ständig laufen und durch Betätigung des Nullstelldrückers gestartet werden. Zwei konzentrische Zeiger bei der "6" zu zwölf Stunden. Die Platinuhr verfügt ferner über eine Gangreserveanzeige sowie den bekannten Jahreskalender.

Mit Silizium liebäugelt auch TAG Heuer, aber der Speed-Chrono SLR kommt ebenfalls noch ohne aus. Mit seiner Hilfe lassen sich zum Beispiel jene 3,8 Sekunden messen, welche der gleichnamige Daimler-Benz-Bolide von null auf 100 Stundenkilometer benötigt. Die Bedienungselemente befinden sich in einem ergonomisch günstigen Winkel auf der Vorderseite des Stahlgehäuses. Links gibt es eine zusätzliche Krone zum Verstellen der innen liegenden 60-Minuten-Merkskala. Der Motor erzeugt die Energie per Rotor selbst. Wie das Auto ist der Stopper auf 3500 Exemplare limitiert. Angesichts des Preises von 3100 Euro dürfte er sich jedoch deutlich schneller verkaufen.

"Flat Six" nennt sich der Motor des Porsche 911

Für Nichtinsider so viel vorweg: "Flat Six" nennt sich der Motor des legendären Porsche 911. Flat, weil die Zylinder horizontal angeordnet sind, six, weil jeweils drei boxend gegenüberliegen. Die Vorgänger der heutigen Maschinen waren noch luftgekühlt und besaßen unübersehbare Abstreifringe an den Kolben. Jene Streifen greift die neue "Flat Six" von Porsche Design als charakteristische Gestaltungsmerkmale der Gehäuseflanken auf. Die prägnante Porsche Designtypografie setzt sich konsequenterweise auf dem Zifferblatt und der Lünette mit Tachymeterskala fort. Für ausgewiesene Mechanikfreaks ist der 44,5 mm große P'6340 Chronograf gedacht, dessen Eta-7750-Automatikwerk die offizielle Chronometerprüfung erfolgreich hinter sich gebracht hat.

Am 20. Mai 1927 startete Charles Lindbergh in New York zum Alleinflug über den Atlantik. Nach der Landung in Paris besaß er jede Menge Erfahrung in der Langstreckenaviatik. Diese mündete in der Longines "Lindbergh", welche 1931 debütierte. 2006 wird sie 75 und eine stählerne Replik in der Originalgröße von 47,5 mm fällig. Ihr Automatikwerk Eta A07 111 zeigt Stunden, Minuten und Sekunden an. Ein durchdachtes Zusammenspiel von Zeigern, Scheiben und skaliertem Glasrand gestattet das Ermitteln des Längengrads unter Berücksichtigung der Zeitgleichung. Ganz Neugierige können den Scharnierboden öffnen und dem Uhrwerk bei der Arbeit zusehen.

Den "Grand Regulateur" von Chronoswiss gab's erstmals 1998, damals allerdings limitiert. Der neue von 2006 ist 44 mm groß und wird mit einem modifizierten Handaufzugskaliber Eta 6498 geliefert. Das heißt, es besitzt einen dezentralen Stundenzeiger, einen Unruhstopp und eine Schwanenhalsfeinregulierung. Außerdem hat jedes Uhrwerk eine offizielle Chronometerprüfung hinter sich. Das Stahlgehäuse verfügt über eine Drehlünette mit Leuchtmarkierung. Somit kann es leichte chronografische Aufgaben übernehmen. "Count-up" = Merkpunkt gegenüber dem Minutenzeiger positionieren und zählen, wie viel Zeit danach verstrichen ist. Für das Eierkochen empfiehlt sich der Count-down, bei dem die Markierung auf den errechneten Zeitzielwert eingestellt wird. Trifft der Minutenzeiger dort ein, muss der Topf vom Herd.
(Gisbert L. Brunner/Der Standard/rondo/31/03/2006)

  • Flat Six: Die neue Uhrenlinie von Porsche Design
    foto: hersteller

    Flat Six: Die neue Uhrenlinie von Porsche Design

  • Eine stählerne Replik der Longines "Lindbergh".
    foto: hersteller

    Eine stählerne Replik der Longines "Lindbergh".

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