"Ich liebe Frauen in Unterwäsche"

21. Juli 2006, 12:57
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Joseph Corre ist der Sohn der Mode-Ikone Vivienne Westwood und des Punk-Masterminds Malcolm McLaren

Als Betreiber des kultigen Unterwäsche-Labels Agent Provocateur wurde er selbst zur Berühmtheit. Stephan Hilpold traf ihn im Stundenhotel.

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Wien, Tiefer Graben, Hotel Orient. Es ist elf Uhr früh, Joseph Corre (39) kommt übernächtig aus seiner Suite. Er hat nur wenige Stunden geschlafen, bestellt sich erst einmal einen Kaffee und ein paar Semmeln. Später am Tag wird er sich einige Geschäftslokale für sein erstes Agent-Provocateur-Geschäft in Österreich ansehen, davor aber gibt er dem Standard ein exklusives Interview.

Herr Corre, schlafen Sie öfters in einem Stundenhotel?
Joseph Corre: Darauf gebe ich keine Antwort, aber in einem Hotel wie dem "Orient" habe ich noch nie geschlafen. Es ist fantastisch.

Mögen Sie diese Art der Plüscherotik?
Corre: Ich mag alles Authentische. Auch wenn es so altmodisch ist wie hier. Es wird ein Zustand bewahrt, das mögen die Leute. Ich auch.

Ist wirkliche Erotik nicht immer authentisch?
Corre: Absolut. Menschen wollen wahre Sachen, gerade wenn es um den eigenen Körper geht. Das ist wie bei Werbung. Man kann den Menschen nichts andrehen, das in sich nicht stimmig ist. Da alles kaufbar geworden ist, rücken Kriterien wie Authentizität in den Vordergrund.

Auch Sex ist kaufbar.
Corre: Sex ist eine animalische Sache. Alles dreht sich darum: Mode, Autos, einfach alles. Ist er gut, ist es egal, ob er gekauft ist oder nicht.

Im legendären Kings-Road-Laden Ihrer Eltern kamen Sie schon als Kind mit harten Formen von Sex in Berührung. 1975 wurde der Laden sogar in "Sex" umbenannt.
Corre: Man muss wissen, dass sich in den Siebzigern kein Sexshop "Sexshop" nannte. Sie hießen "Venus" oder "Tunnel der Liebe". Der Name "Sex" über einem Shop war eine Revolution. Aber mir war das egal. Ich ging um die Ecke zur Schule und schaute dann oft nach dem Unterricht vorbei. Jemand brachte mich dann nach Hause, ich wollte dort nicht rumhängen. Als Sieben- oder Achtjähriger ist man an diesen Fetisch-Dingen nicht interessiert.

Auch nicht an all den verrückten Leuten, die dort rumhingen? An Johnny Rotten, Sid Vicious und den anderen von den Sex Pistols?
Corre: Ach, das interessierte mich nicht. Die waren sowieso die ganze Zeit bei uns zu Hause. Es gibt nur einen, mit dem ich eine gute Beziehung aufrechterhalten habe, das war Steve Jones, der Gitarrist der Pistols. Bevor er in der Band war, war er so etwas wie ein Assistent meines Vaters. Johnny Rotten dagegen mochte ich nie - und er mich auch nicht.

Er Sie auch nicht?
Corre: Nein, er war ja wirklich ein verrückter Junge, ziemlich kaputt. Aber ich war von der Musik besessen.

Haben Sie sich auch als Punk angezogen?
Corre: Natürlich. Es gab gar keine andere Möglichkeit. Meine Mutter gab mir zerfetzte Hosen, und die hatte ich zu tragen. In Südlondon gab es damals viele Kinder von Immigranten, es waren vor allem Schwarze und Pakistani, das waren meine Freunde. Ich erinnere mich, als ich dieses eine durchsichtige Hemd von Vivienne trug und das als normalste Sache der Welt ansah. Aber die anderen Kinder lachten mich aus. Als ich dann älter wurde, ging mir das ganz schön auf die Nerven. Ich wollte so sein wie die anderen auch. Die Leute hassten einen, wenn man diese Punk-Sachen trug.

Sie waren ein Feindbild?
Corre: Absolut. Einmal gruppierte sich die National Front, eine Art faschistische Partei, vor unserem Haus und fing an, unsere Fenster einzuwerfen. Wir standen im Korridor, hatten alle Lichter ausgemacht und täuschten vor, nicht zu Hause zu sein. Ich weiß noch, als ich rausschaute und dort unsere Nachbarn sah und die Kinder, die eigentlich meine Freunde waren. Alle lachten. Da wusste ich, wie oberflächlich diese Freundschaften waren.

Auml;rgerten Sie sich nicht auch über Ihre Eltern, die anders waren?
Corre: Nein, ich werde das öfter gefragt. Es ist ein Klischee, dass Kinder von Rebellen gegen die Rebellen rebellieren.

Wie rebellisch war Punk damals eigentlich?
Corre: Punk war in erster Linie glamourös. Es war eine total moderne Sache, glatte Gummianzüge zu tragen, sich Bondage-Werkzeug umzuhängen. Das war scharf, das war neu. Es hatte gar nichts mit diesem schmuddeligen, dreckigen Image zu tun, das Punk später bekommen hat.

War es vor diesem Hintergrund möglich, eine einigermaßen normale Kindheit zu verbringen?
Corre: Ach, was heißt das schon: "normale Kindheit". Ich verbrachte sie einfach - was weiß ich, wie normal sie war.

Ihr Bruder erzählte in einem Interview, dass Ihre Eltern Sie allein mit dem Rad nach Devon zu den Großeltern geschickt haben.
Corre: Ja und? Malcolm war halt so. Er war gut darin, uns zu ermutigen, abenteuerliche Sachen zu unternehmen. Wir haben viele solcher verrückten Sachen unternommen.

Was haben Sie von ihm gelernt?
Corre: Meine Selbstsicherheit. Und dann sehr praktische Dinge, wie man etwas designt zum Beispiel. Es gibt immer einen Grund, warum man etwas macht, das hat er mir beigebracht.

Malcolm McLaren hat den Ruf, sehr gut in Geschäftsdingen zu sein.
Corre: Ach, mein Vater ist der schlechteste Geschäftsmann, den man sich vorstellen kann - genauso wie Vivienne.

Als Manager hat er mit den Sex Pistols einiges an Geld gemacht.
Corre: Blödsinn. Wenn Geld reinkam, hat man das sofort wieder ins nächste Abenteuer gesteckt. Als sich die Sex Pistols auflösten, stand mein Vater mit leeren Taschen da. Sein ganzes Leben bestand darin, Dinge in den Sand zu setzen. Beim Laden ging es ja nicht darum, Hosen zu verkaufen, das war eine Art Kunstinstallation. Und bei meiner Mutter war es genauso, die Leute, mit denen sie arbeitete, bestahlen sie, das waren Diebe.

Wie war das für Sie, als sich Vivienne Westwood in den Achtzigern so richtig ins Modegeschäft stürzte und große Kollektionen präsentierte. Trauerten Sie den wilden Zeiten hinterher?
Corre: Wieso? Ich fand das toll. Sollte sie zum Opfer des Punkrock werden? Davon gab es genug. Viviennes Talent besteht darin, kreativ zu arbeiten. Ich habe gesehen, wie sie aus einem einfachen Stück Stoff - wie dieser Tischdecke hier - unglaublich glamouröse Sachen herstellt - ohne etwas zu zerschneiden. Sie ist fantastisch.


Sie ist auch in der Geschichte der Mode unglaublich bewandert.
Corre: Das hat sie sich mit den Jahren angeeignet. Das war in den Anfängen nicht so. Um etwas Neues herzustellen, muss man das Alte kennen.

Wühlen Sie für Ihr Label Agent Provocateur auch in den Archiven?
Corre: Als wir das Unternehmen gründeten, wollte ich gar nichts selbst designen. Ich wollte einfach um die Welt reisen und schöne Unterwäsche sammeln und diese dann verkaufen. Ich war verrückt nach Retro-Modellen. Aber das, was ich mir vorstellte, konnte ich oft nicht finden. Damals dekonstruierte jeder nur, es war wahnsinnig langweilig, und die Wäsche saß auch nicht. Also wurde ich selbst zum Designer.

Sie waren damals Mitte zwanzig. Ein ungewöhnliches Alter, um Unterwäschedesigner zu werden.
Corre: Ja, es ist krank. (lacht) Aber ich machte halt das, was mich am meisten interessierte. Ich liebe Frauen. Und ich liebe Frauen in Unterwäsche.

Ihre Wäsche ist sexuell sehr aufgeladen. Erfahren Sie auch ablehnende Reaktionen?
Corre: Wenn wir in den USA einen Shop eröffnen, kriegen wir jedes Mal Probleme. In Großbritannien freuen sich die Menschen dagegen. Es gibt eben große Unterschiede, wie Kulturen mit Sexualität umgehen. Die Amerikaner haben ein vollkommen gestörtes Verhältnis zu ihrer Sexualität, sie sind zehnmal schlimmer als irgendwelche arabischen Fundamentalisten.

Feministinnen könnten argumentieren, dass Ihre Unterwäsche aus Frauen Sexobjekte macht.
Corre: Ja, manche meinen, dass wir männliche Fantasien umsetzen. Aber das ist genau das Gegenteil von dem, was wir machen. Ich will, dass Frauen jene Dinge tragen, die ihnen gefallen. Warum sollten sie ihre eigene Sexualität verleugnen? Feministinnen wollen aus Frauen Männer machen. Es ist, als ob man sich Frauen ohne Brüste wünschen würde.

Warum vertreiben Sie dann nicht auch erotische Unterwäsche für Männer?
Corre: Mich interessieren einfach Frauen mehr. Ich will feminine Unterwäsche machen. Und mir gefällt der Unterschied zwischen Männern und Frauen.

Ich habe gelesen, dass Sie sich für den Umgang mit erotischen Reizen in der Schwulenszene begeistern.
Corre: Ja, ich bin sehr beeindruckt, wie die Gay-Szene in der Old Compton Street in London funktioniert. Hier dreht sich alles um Sex, in allen Varianten, und ich frage mich, warum es solche Straßen nicht auch für Heterosexuelle gibt.

Sollte sich unser Leben noch stärker um Sex drehen?
Corre: Es dreht sich doch jetzt schon alles um Sex. Es geht darum, das auch anzuerkennen. Wenn man Lust auf Sex hat, sollte es möglich sein, diese Lust auszuleben.
(Der Standard/rondo/31/03/2006)

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    Joseph Corre: "Mir gefällt der Unterschied zwischen Männern und Frauen."

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    Joseph Corre präsentierte Modelle seines Labels Agent Provocateur.

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