Essen am Arbeitsplatz

26. April 2007, 16:24
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Fette Leberkässemmel-Duftschwaden regen den Speichelfluss an - Oder: Essen am Arbeitsplatz entbehrt jeder Kultur

+++Pro
Von Markus Böhm

Der Magen grummelt, der Sinn steht nach etwas Deftigem, nach etwas Typischem. Also nix wie rüber zum Billa und her mit dem Einser-Menü: Leberkässemmeln, ein pickertes Cola dazu - kein Haubenmenü kann da mithalten. Bei Bauarbeitern seit Jahrzehnten beliebt, ein kulinarischer Klassiker, der neue Kraft gibt und förmlich danach schreit, am Arbeitsplatz verputzt zu werden. Die Kollegen sollen ja auch was davon haben, ich teile ja gerne. Schließlich aktiviert die menschliche Geruchssensorik nichts mehr als fette Leberkässemmel-Duftschwaden in überhitzten Räumen mit sowieso schlechter Luftqualität. Der Speichelfluss wird angeregt, die Geschmackspapillen schwellen, die Augen tränen - vor Glückseligkeit, einen so netten Kollegen zu haben.

Auch wenn manche die Nase rümpfen, ich sehe das als Beitrag zum guten Arbeits-respektive Raumklima. Es ist Lunch mit guten Freunden, ein Candle-Light-Dinner mit sanfter Bildschirmhintergrundbeleuchtung. Zudem regt die olfaktorische Belästigung auch dazu an, zumindest ein Mal am Tag die Fenster aufzureißen, damit die Abgase der vorbeischleichenden Fahrzeuge das Büro fluten.

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Contra---
Von Karl Fluch

Nichts gegen ein Weckerl vom Fließbandbäcker oder zwo, dro Sackerln Rumkugeln zur Wiederherstellung des Wohlbefindens. Soll sein, muss sein. Allein tatsächlich als Mahlzeit rituell aufgeführtes Essen im Büro ist abzulehnen. Nicht nur weil der EDV-Systemmanager dabei jedes Mal eine Stirnfalte mehr bekommt, weil das dem in der Mikrowelle hochgeheizten Industriemenü beigestellte Cola mit großer Verlässlichkeit dreimal pro Monat in der Tastatur versiegt. Essen am Arbeitsplatz entbehrt jeder Kultur, die man dem tatsächlichen Genuss einer Speise schuldet.

Zwar verdienen die meisten auf diese Art verzwickten Menüs ohnehin kein anderes Schicksal, als zwischen zwei "Enlarge your penis"-Spam-Mails und drei Telefonaten ungekaut runtergewürgt zu werden. Von wegen: zerkochtes Kalbsfleisch mit letschertem Letscho und geschmacklosem Reis aus dem Stanniolcontainer. Das will man weder essen noch riechen, noch in seiner Nähe verinnerlicht sehen. Lieber den Appetit tagsüber mit diversen Abhängigkeiten unten halten und sich dafür am Abend richtig laben - und zwar ohne alle Anwesenden mit dem Gruß "Mahlzeit" zu strafen.
(Der Standard/rondo/31/03/2006)

  • Artikelbild
    foto: der standard/matthias cremer
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