Wahlkampf "wie tragikomischer Bürgerkrieg"

30. März 2006, 15:12
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Laut Berlusconi kochen chinesische Kommunisten ihre Kinder, für Prodi ist Berlusconis einzige abgeschlossene Reform "sein Lifting"

Neapel/Rom – Im Pavillon 3 des Messegeländes von Neapel herrscht Sonntagsstimmung. Dreitausend Menschen drängen sich in der Halle, weitere tausend vor den Toren. Dass ihr Idol wie immer mit Verspätung erscheint, tut der Begeisterung keinen Abbruch. Ein Meer blauer Fahnen weht zur Hymne von Forza Italia. Sprechchöre empfangen den sichtlich aufgeräumten Ministerpräsidenten. "Ihr seid gekommen, um den Sonntag der Freiheit zu heiligen!", ruft Berlusconi. Jubel brandet auf. "Silvio, Silvio", rufen die Fans des Cavaliere.

Jetzt ist der Regierungschef ganz in seinem Element. Er fährt mit dem linken Zeigefinger über die Klinge eines Spielzeugsäbels. "Die Kommunisten führen Krieg gegen uns", versichert er mit ernstem Gesicht. "Doch die Wahrheit ist, dass die chinesischen Kommunisten Kinder gekocht haben, um damit ihre Felder zu düngen."

Prodi?

Dann knöpft sich Berlusconi den Parteichef der Linksdemokraten vor. "Um Piero Fassino reißen sich die Leichenbestatter als Werbeträger", spottet er mit breitem Grinsen über dessen Aussehen. Prodi? "Ein armer Teufel. Er war schon verschrottet, jetzt wird er recycelt." "Silvio, Silvio", klatschen die 3000 in der Halle begeistert.

Auch in Latina herrscht prächtige Stimmung. Der Sportpalast ist brechend voll. Doch das Publikum unterscheidet sich deutlich von jenem in Neapel. Es sind vor allem Familien, die in der Provinzstadt südlich von Rom auf Romano Prodi warten. Mittelstand, der den Professore mit freundlichem Jubel empfängt.

Prodi besorgt um Italiens Ruf

Der Kabarettist Paolo Hendel sorgt für Stimmung. Prodi lässt sich von der Journalistin und EU-Abgeordneten Lilli Gruber interviewen. "Dass wir dem Bürger in die Tasche greifen, ist nur eine Angstkampagne der Rechten", versichert er. "Berlusconi sollte ihnen in die Taschen zu greifen. Dann könnte er sich davon überzeugen, dass sie leer sind." Der Premier ruiniere Italiens Ruf in der Welt, versichert Prodi. Einzige wirklich abgeschlossene Reform sei dessen Lifting, witzelt er unter dem Beifall der Menge.

"Italiens Wahlkampf", stöhnt die Tageszeitung Corriere della Sera, "wirkt wie die tragikomische Simulierung eines Bürgerkriegs". Dennoch: Fast 20 Prozent der Italiener wissen nicht, wann gewählt wird. Mehr als die Hälfte hat vom neuen Wahlrecht nichts mitbekommen. Am Dienstagabend sorgt Berlusconi im Fernsehen erneut für kräftige Töne. Als der Moderator einer politischen Talkshow auf Rai 3 einen Ökonomen zuschalten will, springt er auf und zerrt ihn an der Jacke: "Nein, das Thema ist jetzt die Zerrissenheit der Linken."

"Tendenziöse" Journalisten

Bei der Frage nach der Entstehung seines riesigen Vermögens versteinert die Miene des Premiers. "Sie sind tendenziös wie immer", bescheidet er den Journalisten Giovanni Floris. Die offizielle Protestnote aus Peking weist er mit gespielter Entrüstung zurück: "Schließlich habe nicht ich die Kinder gekocht."

Wirtschaftsminister Giulio Tremonti eilt seinem Premier in einem anderen TV-Sender zuhilfe: "Entweder wir führen Schutzzölle ein oder die Chinesen verschlingen uns bei lebendigem Leib." Angesichts solcher Szenarien kann sich auch Lega-Hardliner Roberto Calderoli nicht zurückhalten: "Die Chinesen haben Kinder nicht nur gekocht, sondern auch gegessen."

Das chinesische Außenamt protestierte in Rom gegen das "haltlose Gerede" Berlusconis. Der erklärte darauf, er habe "ein Faktum zitiert". (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, Print, 30.3.2006)

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