"Der Tiger und der Schnee": Versuch einer poetischen Entschlüsselung des Krieges

29. März 2006, 17:19
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"Der Tiger und der Schnee / La tigre e la neve", Roberto Benignis grandioser Film über Liebe und Geopolitik

Wien – Attilio de Giovanni ist ein Dichter in einer Midlife-Krise. Die Studenten starren ihn eher ratlos an, wenn er seine Poetik direkt aus Verrenkungen entwickelt, die seinen Vortrag begleiten. Eine attraktive Kollegin fühlt sich deutlich zu ihm hingezogen, aber Attilio ist nur in zweiter Linie ein Schürzenjäger. In erster Linie ist er Minnediener. Die Frau, der er nachläuft, heißt Vittoria. Sie entzieht sich mit der hartnäckigen Reserve einer Realistin. Auf einen Mann, der ständig das Unmögliche beschwört, der einen Gedichtband über einen Tiger im Schnee schreibt, will sie sich nicht einlassen. Sie geht stattdessen in den Irak, um eine Biografie über einen Dichter zu schreiben.

Attilio und Vittoria sind die Königskinder in Roberto Benignis neuem Film Der Tiger und der Schnee (La tigre e la neve). Das Unmögliche an dieser Verbindung steht von Beginn an im Licht der Tatsache, dass Benigni und die weibliche Hauptdarstellerin Nicoletta Braschi im richtigen Leben ein Ehepaar sind. Man muss das nicht wissen, es ist ohnehin unübersehbar, und zugleich das Geheimnis des Films. Denn neuerlich inszeniert der italienische Komiker eine Scharade, nur geht es dieses Mal nicht, wie in La vita è bella, darum, einem Kind die brutale Wirklichkeit eines Konzentrationslagers poetisch zu verschlüsseln. Es geht darum, einen Krieg (von dem die Fernsehbilder nur den ungefähren Eindruck eines schlechten Traums geben) poetisch zu entschlüsseln.

Irrfahrt des Träumers

Der Irak als eigentlich unzugängliches Land ist der einzige Ort, an dem sich die Ernsthaftigkeit des Träumers Attilio bewähren kann. Als Vittoria bei einem Anschlag schwer verletzt wird, macht er sich ohne Umschweife mitten in der Nacht auf den Weg nach Bagdad, und schafft es mit den Hilfskräften des italienischen Roten Kreuzes tatsächlich bis in das Krankenhaus, in dem Vittoria im Koma liegt.

Für Attilio beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Er findet Unterstützung bei Fuad (Jean Reno), der in den Gassen und Innenhöfen von Bagdad viele Menschen kennt. Wie in Sullivan's Travels, der klassischen amerikanischen Komödie von Preston Sturges, gibt es auch hier einen Moment, in dem keine Rückversicherung mehr greift. Attilio/Benigni ist als Italiener nicht mehr erkennbar. Er ist, auf dem Umweg seiner Liebe, mitten in die Geopolitik geraten. Er durchquert den unbefriedeten Irak, ohne doch nur eine Sekunde das eigene Genre zu verlassen.

Der eigentlich große Moment dieser Komödie über die Liebe im Krieg kommt ganz am Ende, wenn Der Tiger und der Schnee überraschend noch einmal das Genre (und die Form der Liebe) wechselt. Als "Rambo" hätte Attilio de Giovannni nicht aus seiner Midlife-Krise herausgefunden, und mit purem Slapstick hätte er den Irak nicht überlebt. Als Träumer aber muss er feststellen, dass er das Herz der Geliebten nicht in Bagdad gewinnen kann, sondern nur in Rom – wo er wach ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.3.2006)

Von Bert Rebhandl
  • Artikelbild
    foto: concorde
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