"Rumble Fish"

29. März 2006, 17:30
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In Coppolas "Outsiders"-Nachfolger liegen die Zitate herum wie Kulissenreste in einem in Konkurs gegangenen Studio

1984 war Schluss mit den Vätern. "Vorname Carmen" von Godard und "Rumble Fish" von Coppola. Im Irrenhaus. Versoffen. Kurzgeschlossen. Um sie oder gegen sie ging es bisher in den Geschichten. Aber was machen jetzt die Kinder? Matt Dillon, der Rusty James ist? Da steht er vor dem Bett, in dem der große Bruder, der Motorcycle Boy, und der Vater grinsend liegen. Mickey Rourke und Dennis Hopper. Draußen hat Rusty James das Mädchen Cassandra getroffen. Ihre Einstiche im Arm gesehen. "Ich bin nicht süchtig", hat sie gesagt. Die beiden auf dem Bett glauben Cassandra.

Um Rusty James, der nichts versteht, von Troja und den "Scheiß-Griechen", der die beiden auf dem Bett sieht und ihre Umarmungen und sein Ausgeschlossensein, geht es in diesem Film. Er ist in jeder Einstellung, aber keine Szene gehört ihm. Er tanzt, klettert, kämpft. Er will sich einschreiben in die Welt, eintanzen, einkämpfen. Er merkt nicht, dass diese Welt schon eingekämpft und eingetanzt und eingeschrieben ist.

"Rumble Fish" ist gleich nach "Outsiders" entstanden, viel "Rebel without a cause" war darin. In "Rumble Fish" gibt es keine Geschichte der Klassenkämpfe mehr, überhaupt keine Geschichte. Nur mehr Zitate. "Sie wirken nicht bestätigend und nicht konsolidierend, sondern wie abgerufen von der kulturellen Datenbank", schrieb Frieda Grafe. Die Geschichte ist stehen geblieben. Ein ungeheurer Druck ist in dieser Welt. Die Wolken im Zeitraffer, die Schatten, die über Brandmauern ziehen. Zwischendurch eine Totale des Stadtzentrums, 24 Stunden in 15 Sekunden. Das Zentrum. Es ist nur ein Bild. Motorcycle Boy, der ältere Bruder, ist farbenblind. Manchmal taub. Es ist seine Welt, durch die sich Rusty James bewegt. Schwarz- weiß. Voller Bühnen. Manchmal ohne Ton. Ein Score, der nicht untermalt, sondern zerhackt. Nicht Melodie ist, sondern Rhythmus. Zitatenkino ist "Rumble Fish" nicht. Zitatenkino ist eines der schlimmsten der Welt. In "Rumble Fish" liegen die Zitate herum wie Kulissenreste in einem in Konkurs gegangenen, verlassenen Studio. Uhren ohne Zeiger. Der Schatten einer Katze. Die brennende Tonne neben dem Pet Shop. Auf diese Zitatbilder stürzte sich die Filmkritik. Als ob sie nicht einsehen wollte, dass es damit vorbei ist. Und weil sie ahnte, dass es schwierig wird, zu schreiben, wenn die Väter nicht mehr da sind. Das verlassene Studio, dieses Bild trifft den Film. In den Resten der alten Filme führen die Jungen einen neuen Film auf. "Kinder spielen Carmen", hat Godard gesagt. Dass der Abgesang mehr Kraft haben kann als der Beginn, das ist das Großartige an "Rumble Fish". Später haben die Restaurativen das Studio wieder übernommen. Aber das ist egal jetzt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.3.2006)

Von
Christian Petzold
  • Artikelbild
    foto: sz
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