Kirsten Boie: "Mit Jakob wurde alles anders"

29. März 2006, 17:30
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Der Titel des wunderbaren Teenager-Romans ist eine Mogelpackung - es ist Oliver, der Neles Leben durcheinanderwirbelt

Man kann es nicht anders sagen: Der Titel von Kirsten Boies wunderbarem Teenager-Roman ist eine Mogelpackung. "Mit Jakob wurde alles anders" hat die Hamburgerin ihre Geschichte genannt, weil das Baby Jakob einen Haushalt durcheinanderwirbelt, in dem vorher eigentlich alles ganz normal zuging: Die Mama war zu Hause und machte den Haushalt, der Papa arbeitete als Lehrer, Nele, die Hauptperson des Buches, ging zur Schule, ihr kleiner Bruder Gussi kam gerade in den Kindergarten.

Weil aber Neles Mutter just zu dem Zeitpunkt beschlossen hatte, selbst wieder arbeiten zu gehen, als sich Jakob ankündigte, haben die Eltern beschlossen, dass von jetzt an alles anders werden soll: Neles Vater wird Hausmann, seine Frau geht wieder arbeiten. Mit Jakob wird also tatsächlich alles ein bisschen anders.

Aber: Wer wirklich alles durch einander bringt, ist nicht der kleine Jakob, der tut, was Babys eben so tun: schlafen, essen oder schreien. Es ist auch nicht Neles Papa, der vom Putzen, Kochen und Bügeln erst mal überfordert ist. Es ist nicht Neles Mutter, die abends kaputt vom Job kommt und sich dann ärgert, dass ihr Hausmann daheim nicht schafft, was sie immer locker hingekriegt hat. Es ist, schließlich und endlich, auch nicht der kleine Gussi, der den Kindergarten ziemlich doof findet.

Nein, es ist Oliver, der Neles Leben durcheinanderwirbelt, denn sie ist verliebt. Verliebt ist man im Alter von 12 Jahren schnell einmal, aber dieser Klassenkamerad, dieser coole Typ, der Nele so durchdringend angeschaut hat, der sie nach dem Fußballtraining nach Hause begleitet und sogar zweimal angerufen hat, der ist ein Mann fürs ganze Leben. Findet Nele zumindest – nur leider weiß Oliver nichts davon. Also muss sie ihm klar machen, wie sehr er auf sie steht. Um es gleich zu sagen: Die Sache geht schief, aus mehreren Gründen. Nele schießt ein Eigentor, ihre Schulmannschaft verliert. Das ist schlimmer als ein Tsunami in Hamburg oder sechs Monate Schule ohne Ferien: Es ist oberpeinlich, und Oliver sagt dazu nur eins: "Weiber!!!" So viel zur großen Liebe; aus und vorbei. Mit Baby Jakob und dem coolen Oliver, mit Hausmann Papa und Karrierefrau Mama verändert sich also Neles Welt.

Es macht Spaß, dabei zu sein, wenn das geschieht, denn die vielfach preisgekrönte Autorin, Kirsten Boie, erzählt das in der angenehm unaufgeregten Art, die alle ihre Bücher auszeichnen. Sie fühlt sich ein in das Seelenleben von Teenagern, aber sie biedert sich nicht an. Man merkt, dass Boie viele Jahre als Lehrerin gearbeitet und außerdem selbst Kinder hat: So klein und alltäglich ihre Dramen sind, in den Augen von Kindern und Jugendlichen bewegen sie die Welt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.3.2006)

Von Cathrin Kahlweit
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