Fred Vargas: "Die schöne Diva von Saint-Jacques"

29. März 2006, 17:30
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In anheimelnder Umgebung à la Amélie Poulain erblüht nicht das stille Glück, sondern das stille Grauen

Selten dürften Grauen und Verhängnis, die unverzichtbare Zutaten eines Kriminalromans sind, mit solch unmittelbarer Beiläufigkeit erzählerisch vorgeführt worden sein, wie in Fred Vargas' Roman "Die schöne Diva von Saint-Jacques", der im Original den wesentlich eingängigeren Titel "Debout les morts!" trägt.

In Paris steht auf einmal ein Baum in einem kleinen Garten, den es am Tag zuvor noch nicht gab. Sein schieres Vorhandensein ist ein Rätsel, das Sophia, eine einst gefeierte Opernsängerin, sofort tief beunruhigt, während ihr Mann, den sie beim Frühstück auf den Baum vor dem Fenster aufmerksam macht, sich davon in seiner Zeitungslektüre nicht irritieren lässt.

Nach wenigen Dialogfetzen weiß der Leser zweierlei: Das Paar hat sich längst ausgesprochen, und der Baum steht für ein schreckliches Geheimnis. Dieser Baum ist die eine Störung der vertrauten Ordnung in der friedlichen Idylle, die am südlichen Rand von Paris zu vermuten ist. Als eine andere erweist sich, dass in das verwaiste und verwahrloste Nachbarhaus mit einem Mal vier Männer einziehen: Das seltsame Quartett besteht aus drei jungen, arbeitslosen Historikern, die miteinander befreundet sind, sich aber gleichzeitig auf höchst unterhaltsame Art zu streiten verstehen; der Vierte in diesem seltsamen Bunde ist ein pensionierter, etwas zwielichtiger Kriminalbeamter. Komplettiert wird das Personal der Handlung noch durch die Wirtin eines in der Nachbarschaft der beiden Häuser befindlichen Bistros.

Die belebte Szenerie sowie das Personal zeugen von einem Paris à la Amélie Poulain, jener liebenswürdigen Protagonistin eines der erfolgreichsten französischen Spielfilme der letzten Jahre, der dem etwas eingetrübten Charme der französischen Metropole wieder neuen Glanz verschaffte. Im Gegensatz zu diesem Film erblüht in solch anheimelnder Umgebung aber nicht das stille Glück, sondern das stille Grauen, das mit der Ermordung von drei Menschen spannungsreich gesteigert wird. Mehr jedoch soll von der Handlung dieses preisgekrönten Kriminalromans nicht verraten werden. Fred Vargas – der Name ist ein Pseudonym, hinter dem sich eine Frau verbirgt – ist die derzeit bekannteste und erfolgreichste französische Krimiautorin. Die studierte Historikerin und Archäologin, die hauptberuflich am Centre National de la Recherche Scientifique arbeitet, einer nach dem Vorbild der sowjetischen Akademie der Wissenschaften organisierten staatlichen Großforschungseinrichtung, hat ihr Talent, spannende Geschichten temporeich und für das Genre erstaunlich sprachbewusst und witzig zu erzählen, in bislang neun Romanen bewiesen. Hauptschauplatz ihrer Geschichten ist zumeist Paris, das damit erstmals wieder seit den Tagen von Simenons Maigret überzeugende Kulissen für Tatorte liefert.

Dies wie auch die skurrilen Figuren, derer sich die Vargas gerne als Protagonisten ihrer ebenso unterhaltsamen wie erzählerisch anspruchsvollen Geschichten bedient, hat ihr eine auch im deutschen Sprachraum stetig wachsende Lesergemeinde verschafft. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.3.2006)

Von Johannes Willms
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