Gerichtsgeschichte: Räuber auf hohem Niveau

31. März 2006, 10:04
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Sein erstes Wort ins Mikrofon im Gericht lautet: "Sprechprobe - 150.000 Euro fehlten zum Glück

Wien – Andreas V. ist ein Schönredner, ein Räuber auf hohem Niveau. Sein erstes Wort ins Mikrofon, so nervös kann er gar nicht sein, lautet: "Sprechprobe." Die Richterin redet er prinzipiell (und alle paar Sekunden) mit "Frau Doktor Zeilinger" an, man meint, er betreut gerade eine gute Kundin. Zum Kabarettisten fehlt dem gelernten Perückenmacher einzig das geeignete Programm. Dieses ist selbst für die böse Satire allzu real: drei Banküberfälle. Dafür erntet er zehn Jahre Haft.

"Schweren Raub" kennt er aus langjähriger Erfahrung. "Frau Doktor Zeilinger, glauben Sie mir, wenn ich sicher wüsste, dass ich das Geld kriege, ich wäre der Erste, der ohne Pistole eine Bank betritt", beteuert er. Schon 1994 hatte er es nicht sicher gewusst. Nach fünf bewaffneten Bankbesuchen und Trafiküberfällen wurde er zu acht Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis arbeitete er als Friseur. Vielleicht hat man ihn deshalb vorzeitig entlassen.

150.000 Euro fehlten

Sechs Jahre hielt er sich wacker, arbeitete als Botenfahrer und bis zuletzt als Spitalhelfer im AKH. Aber er machte sich nichts vor, er wusste, was ihm zum sorgenfreien Leben mit Frau und zwei Kindern fehlte: Geld, etwa 150.000 Euro. "Da habe ich kurzfristig den Entschluss gefasst, den gleichen Blödsinn noch einmal zu machen", sagt er.

Feng Shui Bank

Die erste gewählte Bank war per Fahrrad bequem erreichbar und hatte einen tauglichen Fluchtweg. Das Innere des Instituts sah er durch eine Skibrille. "Es war ein riesengroßer Kassenbereich, Feng Shui-mäßig eingerichtet", erinnert er sich. Umso bescheidener die Beute: 151,7 Euro. "Die Geldladen sich nicht aufgegangen, in der Frustration hab' ich halt die Münzen mitgenommen."

Bei der zweiten Bank kam die gezückte Gaspistole etwas besser zur Geltung: die Bediensteten ließen ihn mit 23.000 Euro Beute flüchten. Beim dritten Überfall verwendete er eine Spielzeugpistole. Da verließ er das Geldinstitut mit 32.000 Euro. Aber er war schlecht adjustiert. Er hatte fünf dicke Gewandschichten übereinander angelegt – und das Ende Juni. Ein Passant verfolgte den Schwitzenden und verständigte die Polizei.

"Frau Doktor Zeilinger, ich habe nie versucht den Machatschek zu spielen", resümiert er traurig: "Ich wollte das Geld und aus." (Daniel Glattauer, DER STANDARD – Printausgabe, 30. März 2006)

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