Pressestimmen: Sharon der "heimliche Sieger"

31. März 2006, 13:05
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"Alleingang als Vermächtnis"

London/Rom - Die israelischen Parlamentswahlen stehen am Mittwoch im Mittelpunkt von Pressekommentaren:

The Times

"Die Anerkennung gebührt zum größten Teil Ehud Olmert. Er hat seine Rolle als amtierender Ministerpräsident mit Würde und Geschick gespielt. Obwohl für viele Israelis eine vertraute Figur als früherer Bürgermeister von Jerusalem, hatte er noch keine echte Probe auf höchster Ebene zu bestehen gehabt. Er hat auch nicht die einzigartige militärische Vergangenheit und die Autorität Ariel Sharons, doch er hat die Balance zwischen Worten und Taten in seinem Umgang mit den Palästinensern sowie mit anderen regionalen Führern gefunden. Er hat sich als gewitzt erwiesen, und er hat anderen, wie dem ewigen politischen Verlierer Shimon Peres, nicht erlaubt, seine Partei einzuengen. Die meisten Nachbarn Israels werden seinen Wahlsieg insgeheim begrüßen, auch wenn sie ihn öffentlich angreifen."

Il Massaggero

"Olmert hat 40 Tage, um seine Koalition zusammenzustellen, aber er kann sich nicht den Luxus gönnen, die gefährliche Verschlechterung der politischen Realität und der Sicherheit in der Region aus den Augen zu verlieren. Die ersten Emissäre der USA kommen in der nächsten Woche (...). Auf ihrem Gesprächsplan steht die Dringlichkeit der Situation in Palästina, wo der Aufstieg von Hamas - wegen der völlig ablehnenden Position Israels und eines Teils der internationalen Gemeinschaft - eine humanitäre Krise im Gaza-Streifen und im besetzten Westjordanland auslösen könnte."

Corriere della Sera

"Sharon hat mit seiner jetzt wohl permanenten Abwesenheit noch eine tiefere Veränderung bewirkt, die alle israelischen Parteien und Wähler betrifft: Mit ihm ist die zweite Generation der Gründerväter Israels verschwunden, die neuen Schlagworte sind sozialer und weniger ideologisch geworden. (...) Es wäre schwer, den israelischen Wahlausgang zu verstehen, ohne an diesen doppelten und widersprüchlichen Einfluss des kranken Ex-Ministerpräsidenten zu erinnern: Auf der einen Seite Bezugspunkt, auf der anderen Grund für Destabilisierung."

"Basler Zeitung":

"Ariel Sharon hätte seine Freude gehabt. Der im Koma liegende frühere Premier ist der heimliche Wahlsieger. Die von ihm gegründete Kadima, eine Abspaltung vom Likud, hat die Wahlen in Israel gewonnen - wenn auch knapper und mit einer geringeren Wahlbeteiligung als die Parteistrategen erhofft hatten. Das Wahlergebnis legitimiert nachträglich Sharons Plan, die israelischen Siedlungen im Gaza-Streifen zu evakuieren. Auch dass es in Israel heute einen breiten Konsens dafür gibt, dass die palästinensische Bevölkerung von der israelischen abgetrennt werden soll und dass Israel über seine Politik gegenüber den Palästinensern im Alleingang bestimmen soll, ist ein Vermächtnis von Sharon."

Süddeutsche Zeitung

"Olmert bekräftigte seine Absicht, die Grenzen Israels bis 2010 festzulegen, notfalls ohne das mit den Palästinensern zu koordinieren. Zwar werde seine Regierung die großen Siedlungsblöcke im Westjordanland bewahren. Die Siedlungen, die jenseits des im Bau befindlichen Trennzauns liegen, sollen jedoch aufgelöst werden. Ziel sei es, Israel als demokratischen Staat mit einer jüdischen Mehrheit für die Zukunft zu sichern. 'Wir können aber nicht alle unsere Träume erfüllen', schrieb Olmert vor der Wahl."

"Rzeczpospolita" (Warschau):

"Im vergangenen Jahr machte Ariel Sharon trotz des Widerstand im eigenen Land (...) einen ersten Schritt und zog die Israelis aus dem Gaza-Streifen zurück. Israel ist zu solch einseitigem Vorgehen verurteilt. Die neue israelische Regierung kann mit Präsident Mahmoud Abbas verhandeln, doch der hatte zuletzt keine große Unterstützung unter den Palästinensern. Nun fällt der radikalen Hamas die Verantwortung für den Traum vom eigenen Staat zu. Es ist schwer, sich Verhandlungen mit jemandem vorzustellen, der dem Existenzrecht Israels nicht zustimmt. (...) Unter der neuen israelischen Regierung kommt es sicherlich zu mehr Trennung der beiden Gesellschaften, deren Folge auch die Verringerung der Terroranschläge und Verluste sein wird. Vielleicht muss man eine Weile getrennt leben, um zu verstehen, dass man zur Zusammenarbeit verurteilt ist." (APA/dpa)

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