HeiFi rennt

31. März 2006, 09:40
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Für einen Mann seines Alters läuft der Bundespräsident ein mehr als anständiges Tempo

Es war gestern. So gegen 7.30 Uhr in der Früh. Und zuerst habe ich den Mann gar nicht erkannt. Weil schließlich jeder von uns in seinem Kopf Schubladen hat. Und wenn dann jemand daraus im komplett falschen Setting auftaucht, schaut man doch zweimal hin: Den Bundespräsidenten in engen Laufpants zu sehen, entspricht einfach nicht meiner HBP-Erwartungshaltung . Auch dann nicht, wenn er mir im Volksgarten über den Weg läuft.

Trotzdem: Beim zweiten Hinschauen war kein Irrtum mehr möglich: Der Mann, der da Dienstagmorgen im Volksgarten trabte, war Heinz Fischer. Ein bisserl hohlkreuzig – also extrem aufrecht – zwar, aber doch mit absolut routiniert, rund und ruhig wirkendem Rhythmus und Bewegungen. Und jene halbe Runde (innere Mittelbahn, an den Rosenbeeten entlang, vom Volksgarten-Disco-Aussenpool bis zur Burgtheaterkurve), die ich mich da – in gebührendem Respektabstand, versteht sich - hinter HBP hängte, lief er auch ein sehr konstantes Tempo.

Solide Zeit

Etwas mehr als 5 Minuten 50 hätte Fischer laut meinem Geschwindigkeits- und Distanzmesser für einen ganzen Kilometer gebraucht. Und auch wenn ich keine Ahnung habe, über welche Distanz der Präsident läuft: Nicht nur für Männer seines Alters (und Tagesjobpensums) ist das eine mehr als anständige Kilometerzeit – und Fischer wirkte keineswegs so, als würde er gerade auf Tempo laufen. Oder gar irgendwem irgendwas beweisen wollen.

Der Herr Bundespräsident trug neben der engen – angesichts der Würde des Amtes halt doch etwas skurril (aber was wäre die Alternative?) anmutenden - schwarzen Hose nur ein langarmiges schwarzes Shirt. Das passte zum Wetter – und außerdem hat Heinz Fischer halt auch den Vorteil, sich gleich ums Eck jederzeit ein Jackerl holen zu können. Was mich überraschte: Fischer gehört zu jenen Männern, die im Anzug unendlich korpulenter, unvorteilhafter und schwerfälliger aussehen als im Leiberl. Und auch um etwa 15 Jahre älter wirken.

Der Wächter

Natürlich lief HBP nicht mutterseelenalleine durch den Park. Neben ihm joggte sein Leibwächter. Das gehört sich wohl so. Der Bodyguard lief mit deutlich schwererem Schritt – aber das lag wohl nicht nur an seiner massiven Statur, sondern auch daran, dass er sein ganzes Präsidentenschützerequipment mit zu schleppen hatte: Die geradezu antiquiert wirkende Skibanane, die er vor den Bauch geschnallt hatte, hüpfte bei jedem Schritt schwer auf und ab – aber weil er eh schon ein bisserl nervös schaute, verzichtete ich auf die Frage, ob er seine Dienstwaffe wohl im Schulterhalfter unter dem gelben Plastikblouson oder doch in der Banane trug.

An seiner Stelle wäre aber jeder unruhig gewesen. Schließlich laufen morgens doch etliche Leute in Burg- und Volksgarten ihre Runden. Und Personenschützer sind eben auch darauf konditioniert, auf sich schnell nähernde Objekte alert zu reagieren: Wenn dann der zehnte Jogger zum „Guten Morgen“-Winken quer über den Acker pflügt, ist das wohl jedes Mal ein Alarmreiz-Auslöser. Auch wenn der Polizist eh genau weiß, dass das alles andere als eine Bedrohung ist. Und so nahm ich es dem Begleiter auch nicht krumm, als er – als ich HBP schließlich doch überholte – die Spur wechselte und sich demonstrativ zwischen Fischer und mich setzte.

Politische Schauläufer

Zwanzig Minuten später – ich kam von der Urania zurück in den Burggarten ­- kamen mir die beiden dann ohnehin noch einmal entgegen. Und ich konnte ohne Verrenkung oder Umweg höflich sein und Fischer einen guten Morgen wünschen. Erst viel später, zwischen Dusche und Kaffeemaschine, erkannte ich dann, wieso mich das irgendwie fröhlich gestimmt hatte: Laufende Politiker sind mir nämlich ein Greuel. (Ausnahme: Auf der Volksgarten/Burggarten-Tour trifft man in der Früh manchmal auch Alfred Gusenbauer – und der betreibt hier um sieben Uhr früh, in dem Tempo, das er läuft und mit dem Outfit, das er meist trägt, bestimmt kein Schaulaufen.) Aber all die Bartensteins, Caps, Haiders und Konsorten, die sich so gerne zur Stoßzeit auf Hochfrequenzlaufstrecken (Prater, Schönbrunn, Belvedere) sehen lassen und im semiprivaten Gespräch dann gerne ihre Marathon-Affinität heraushängen lassen: Igitt.

Eigentlich hatte ich auch Fischer – wenn auch nur in dieser PR-Hinsicht - so eingeschätzt: Im Wahlkampf war da einmal ein Hauptallee-Bild aufgetaucht: HeiFi laufend. Umgeben von grinsenden Schönkörpern. Vor oder hinter ihm trug jemand ein Schild: „Heinz Fischer läuft für Österreich“ stand drauf – und natürlich war es rot-weiß-rot gehalten. Und weil es inszeniert war, sah es aus wie der typische Polit-Freezeframe. Schweißfrei. Dafür mit Plakatlächeln. Ich fand das grauenhaft ranschmeisserisch und anbiedernd: Dass der Mann wirklich läuft, hätte ich damals ausgeschlossen. Zu sehen, dass Heinz Fischer es trotzdem tut – und zwar einfach für sich und sonst gar niemanden – war beruhigend. Einfach wegen des Unterschiedes.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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