Neo-Gewerkschafter als Finanzchef

29. März 2006, 10:25
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Günter Weningers "Ziehsohn" Clemens Schneider wird einer seiner zwei Nachfolger

Der ÖGB will heute seinen neuen Finanzchef küren. Fest steht bereits vorher: "Urgestein" Günter Weninger braucht zwei Nachfolger, seine Agenden werden aufgeteilt. Clemens Schneider, der 42-jährige Ex-Banker und derzeitige Generalbevollmächtigte der Solidarität Privatstiftung des ÖGB, soll einer davon sein. In dieser Privatstiftung liegt auch der Streikfonds der Gewerkschaft.

Schneider ist seit dem Sommer des Vorjahres im ÖGB und wurde Eingeweihten immer als der Mann geschildert, der 2007 Weningers Erbe, das stets als "sehr, sehr schwer" bezeichnet wird, antreten sollte. Als Neuling sollte er bis dahin alles intus haben und mit den komplizierten Finanzagenden des Gewerkschaftsbundes umgehen können.

Nun kommt alles früher als geplant, und ÖGB-Granden fürchten, Weningers Schuhnummer könnte für Schneider doch noch zu groß sein - daher die Zweiteilung der Funktion.

Ehe Schneider in die ÖGB-Zentrale kam, war er bei der Citibank in London, Frankfurt und Wien, bei der Deutschen Bank und schließlich, bis 1996, bei der Bank Austria in Wien tätig. 1997 wechselte der Bankersohn (sein Vater Rudolf war lange Jahre im Vorstand der Creditanstalt und ist ein enger Freund von Metaller-Gewerkschaftschef Rudolf Nürnberger) in den Touristikkonzern Gulet als Finanzchef.

Warum er, der im ÖGB überhaupt nicht verankert ist, sich den ÖGB-Finanzchef zutraue? Schneider, dessen Frau als Bankerin in der BA-CA arbeitet, selbstbewusst: "Weil ich mir viel zutraue. Und weil ich gerne etwas Positives beitragen möchte und das bestimmt auch kann."

Knapper gibt er sich, wenn es um die Frage geht, ob er etwas von der Haftung des Streikfonds für die Karibik-Schulden der Bawag gewusst habe. "Natürlich nicht, wir hier haben davon alle nichts gewusst."

Eben weil gewerkschaftspolitisch unbedarft, soll es künftig nicht einen (all)mächtigen Finanzchef geben, sondern einen kaufmännischen mit Prokura und einen "Politiker", der die dringend notwendigen Reformen gegen innere Widerstände durchdrückt. Dazu werden, sagen sehr und weniger mächtige Gewerkschafter, auch Fusionen schwachbrüstiger Teilgewerkschaften gehören, deren singuläre Existenz längst als Anachronismus gilt. (gra, ung/DER STANDARD, Printausgabe, 29.3.2006)

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