Gewerkschaft will rasch neue Fassade

29. März 2006, 12:03
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Fürs Wundenlecken nimmt sich der ÖGB keine Zeit: Rasch soll das Personalpaket geschnürt sein, erste Entscheidungen fallen heute

Gewerkschafter brauchen derzeit gutes Sitzfleisch. Nach dem Rücktritt von Präsident Fritz Verzetnitsch folgte am Dienstag Sitzung um Sitzung - stehen doch heute, Mittwoch, die Treffen des Präsidiums und des Vorstands an. Vergangenheitsbewältigung steht dort nicht auf der Agenda. Denn der ÖGB will mit "speed" schlechte Nachrede killen: "Desto rascher wir Klarheit haben, desto weniger kann in den Medien spekuliert werden", drängt der mächtige Metaller-Chef und ÖGB-Vizepräsident Rudolf Nürnberger auf rasche Entscheidungen.

Neben dem Posten des Präsidenten, seit Montag von Rudolf Hundstorfer interimistisch besetzt, müssen neue Personen für das Präsidium, für den leitenden Sekretär und den Finanzchef gefunden werden. Der Job des Finanzchefs wird in einen politischen und einen prokuristischen geteilt, letzteren bekommt Clemens Schneider. Etliche Personen sind schon gefunden, wie Nürnberger kryptisch bestätigt: "Vielleicht wissen wir nach dem Vorstand schon mehr."

Zwei Wochen zur Kür

Anderen ist das Tempo weniger wichtig als die Chance, mit den Rochaden auf Verjüngung und Verweiblichung zu setzen: "Wir haben junge engagierte Kollegen, aber wir haben auch junge engagierte Kolleginnen", drängt ÖGB-Vizepräsidentin Renate Csörgits im STANDARD-Gespräch darauf, die Posten nicht männerbündlerisch zu vergeben. Denn bisher hat die Gewerkschaft 33 Prozent weibliche Mitglieder - im Spitzengremium Präsidium sind aber nur 20 Prozent Frauen. Unter den Favoriten für die Nachfolge Verzetnitschs finden sich aber keine Frauennamen. Viele geben dem kämpferischen Eisenbahner-Chef Wilhelm Haberzettl die besten Karten. Mit ihm wird die Balance zwischen Metallern und Privatangestellten (GPA) gewahrt. Das Argument spricht auch gegen GPA-Chef Wolfgang Katzian, der ein angespanntes Verhältnis zu den Metallern hat. Mit im Spiel sind Drucker-Boss Franz Bittner - und Interims-Chef Hundstorfer. Spätestens in zwei Wochen soll der neue Chef fest stehen.

Die personellen Besetzungen sind aber nicht die einzige Baustelle des ÖGB. "Bei Mitgliedern und Funktionären gibt es große Verunsicherung. Wir müssen rasch das Vertrauen wieder herstellen", analysiert Nürnberger. Er sieht das Mittel dazu wieder im Tempo: "Bis zum Kongress im Juni soll sich die kürzlich eingesetzte 7er-Arbeitsgruppe überlegen, wie die neuen Strukturen aussehen können. Die Grundzüge der neuen Struktur, ob es noch Fusionen geben soll, wie Kosten gespart werden können, müssen bis Juni festgemacht werden - ohne Tabus." Eigentlich wollte sich die Gewerkschaft bis 2007 damit Zeit lassen. Auch Csörgits drängt darauf, bei Struktur- und Personalpaket Tempo zu machen und "interne Diskussionen rasch zu beenden".

"Nicht bunkern"

Das allein wird zu wenig sein, findet Willi Mernyi. Er ist im ÖGB für Kampagnen zuständig und fordert im STANDARD-Gespräch, die WideG-Frage zu stellen, nämlich "Wofür ist das eine Gelegenheit? "Wir dürfen uns nicht einbunkern und zumachen", fordert Mernyi. "Wir müssen raus, zu Betrieben und Mitgliedern, das ist das Einzige, was uns hilft. Wir müssen Diskussionen führen, nicht in unseren Sitzungssälen, sondern auf der Straße, in Betrieben." Solche Aktionen hält Mernyi zur Wiedergewinnung des Vertrauens für essenziell.

Mittelfristig stellt sich die Frage, ob der ÖGB sich "seine" Bank halten soll. Über die Tatsache der Haftung mit dem Streikfonds ist Nürnberger entsetzt: "Ich war wie vom Blitz getroffen, als ich das vor einer Woche gehört habe." Ob der ÖGB die Bawag verkaufen soll? - "Darauf gebe ich in der jetzigen Situation keine Antwort." (DER STANDARD, Printausgabe, 29.3.2006/red)

von Eva Linsinger
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    Ein gut gelaunter Verzetnitsch vor dem ÖGB-Vorstand

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