Ein "Bildungsplan" für kleine Individuen

21. Juli 2006, 16:12
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Neue Richtlinien für Wiener Kindergärten - Wenn der Moment passt, kann fast jedes Kind fast alles lernen

Wien – "Das Grundproblem in der Bildungsdiskussion ist, dass wir vollkommen unterschiedliche Leistungsbegriffe haben", betont Vizebürgermeisterin Grete Laska (SP). Aber das ist auch schon der einzige Schlenkerer in Richtung Bundesregierung – schließlich wurde gerade etwas eigenes fertig entwickelt: Der Rohentwurf des Wiener Bildungsplans für Kindergärten. Sozusagen die Eigendefinition, was in Wiener Kindergärten geleistet werden sollte.

Ziel ist es für Laska, "zu fixieren, dass Kindergärten keine Aufbewahrungsstätten sind, sondern einen Bildungsauftrag haben". Wobei es allerdings nicht um abrufbares Wissen gehe, das dann in einem Test abgeprüft wird. "Eigentlich sollte man dann auch in der Schule nicht nur Richtschnüre spannen, über die dann alle drüber hüpfen müssen", erläutert Sylvia Minich, pädagogische Leiterin in der MA 10 (Wiener Kindergärten).

Das Kind erkennen

Kinder müssten vielmehr "als Individuen" begriffen werden, es gelte zuallererst, "das Kind zu erkennen, zu sehen, was dieses einzigartige Wesen am besten tut". Diese Individualisierung sei viel wichtiger, "als zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Fertigkeiten nachweisen zu müssen". Auch solle das Kind "ganzheitlich erfasst und nicht in Einzelteile der Persönlichkeit erfasst werden".

Aufgabe der Pädagogen ist es daher laut "Bildungsplan", "die kindlichen Bildungsprozesse in Achtsamkeit zu initiieren, zu begleiten und größtmögliche Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit des Kindes zu ermöglichen". Vor diesem Hintergrund werden dann mögliche Lernformen definiert. Und da geht es nicht nur um "Entdecken und Forschen", sondern auch um Lernformen wie Gestalten oder Spielen – oder das Arbeiten wie Tischdecken, Kochen, Gemüseschneiden. Tätigkeiten, die "das Streben des Kindes nach Autonomie unterstützen" sollen. Bildungsangebote können daher Bilderbuch betrachten, Erzählen, Singen oder Beobachten sein – aber auch Handpuppenspiel, Kochen, Malen, Textiles Gestalten oder Tier und Pflanzenpflege.

Die "Lernfenster"

Wichtig ist es Minich dabei, "Lernfenster" zu erkennen: "Wenn der Moment passt, kann fast jedes Kind fast alles lernen." Das sei viel Erfolg versprechender als etwas aufzuzwingen, wenn sich's gerade sperrt.

Der Entwurf des Wiener Bildungsplanes für Kindergärten geht laut Laska nun in die Begutachtung an alle Partnereinrichtungen der Stadt. Nach etwa zwei Monaten sollen dann mögliche Ergänzungen eingearbeitet werden – die endgültige Präsentation ist dann für den Herbst bei einer großen Enquete geplant. Laska: "Ab diesem Zeitpunkt gilt dann der Bildungsplan als Richtlinie für uns und die privaten Partner in unserem Auftrag." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD-Printausgabe, 29.03.2006)

  • Es geht nicht nur um Lernformen wie Gestalten oder Spielen sonsern auch um Arbeiten wie Tischdecken, Kochen, Gemüseschneiden
    foto: standard/cremer

    Es geht nicht nur um Lernformen wie Gestalten oder Spielen sonsern auch um Arbeiten wie Tischdecken, Kochen, Gemüseschneiden

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