Androsch: "ÖGB soll sich von der Bawag trennen"

31. März 2006, 15:37
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Der Ex-Finanzminister und Industrielle legt im STANDARD-Interview dem Gewerkschaftsbund nahe, die Bank zu verkaufen

STANDARD: Sind Spekulationsgeschäfte wie die der Bawag übliche Bankgeschäfte?

Androsch: Solche Geschäfte macht man nicht einmal, wenn man es kann, aber schon gar nicht, wenn man das nicht kann. Sie sind zu riskant. Man kann zwar rasch Geld verdienen, aber um einen hohen Preis. Erinnern sie sich, dass deswegen die Bank des englischen Königshauses verschwunden ist, Barings.

STANDARD: Verstehen "die Roten" nichts von Wirtschaft, wie ÖVP, BZÖ und FPÖ trommeln?

Androsch: Da stellt sich zunächst auch die Frage: Wie haben sich die Aufsichtsbehörden verhalten, die Finanzbehörden und die Notenbank in Wahrnehmung ihrer Verantwortung, wie viele ÖVPler sind in diesen Organen? Die Kontrolleinrichtungen haben nicht funktioniert.

STANDARD: Wen meinen Sie?

Androsch: Koren, Wallner, Hochleitner, im Vorstand, im Aufsichtsrat. Die ÖVP hat überhaupt keinen Grund, billige Häme zu spielen, obszön politisches Kleingeld zu schlagen. Sie sitzen im Aufsichtsrat auch mit zwei Staatskommissären, die haben nichts getan. Die Wirtschaftsprüfer als Bankprüfer haben sich mit Formaldeckung begnügt. Ich habe in den 70er-Jahren als Finanzminister einige Pleiten zu behandeln gehabt, darunter reine VP-Banken wie die Conti, die dem ÖAAB gehört hat, einige Volksbanken.

STANDARD: Das war eine andere Dimension.

Androsch: Die Bawag war nicht insolvent, sie hat nur große Verluste gehabt. Das hätte man anders lösen können. Man hat einen Weg gewählt, der sicher nicht den Grundsätzen ordentlicher Bankkaufleute entspricht. Aber das Wichtigste, das die Aufsichtsbehörde jetzt tun müsste, ist zu sagen, die Bank ist gesund, niemand braucht um sein Geld zu fürchten.

STANDARD: Was sagt das über den Eigentümer aus?

Androsch: Die Finanzmarktaufsicht hätte längst etwas unternehmen müssen. Es kann nur grob fahrlässig gewesen sein, dass man das nicht gesehen hat. Der Verzetnitsch kommt zum Handkuss, der kann am wenigsten dafür. STANDARD: Hätte er nicht Informationspflicht gehabt?

Androsch: Das muss er sich in seinem Verein, dem ÖGB, ausmachen, aber nicht im Bankenbereich. Man muss sehen, trotz der Verluste hat die Bawag Eigenmittel von 3,3 Milliarden Euro. Man wird sicher die Frage stellen müssen, ob der ÖGB gut beraten ist, eine Bank zu haben, ob es nicht gescheiter ist, sie zu verkaufen.

STANDARD: Soll er verkaufen?.

Androsch: Das würde ich nahe legen. Rechtlich kann er eine Bank haben, aber wenn sie nicht einmal in der Lage sind, sachlich kundige Aufsichtsräte zu entsenden, die Führung zu bestellen, dann sollte man sich eben trennen.

STANDARD: Was bedeutet das für die SPÖ?

Androsch: Wenn man all das deutlich macht, was ich gesagt habe, dann weniger, als man in der ersten Schrecksekunde annimmt. Man muss die konkrete Verantwortung der Aufsichtsbehörde herausarbeiten, das nicht angemessene Agieren der FMA. Dann schaut die Welt in ein paar Tagen schon anders aus. Die Regierung hat keine Wirtschaftspolitik, sonst hätten wir nicht eine Rekordarbeitslosigkeit der Zweiten Republik, das ganze könnte ein Weckruf sein, dass wir uns den wirtschaftspolitischen Aufgaben zuwenden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.3.2006)

Zur Person

Hannes Androsch (67) SPÖ-Urgestein, Industrieller, Ex-Finanzminister, Ex-Generaldirektor der CA-BV.

Das Gespräch führte Thomas Mayer.
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