Werbeverbot für die Pharmawirtschaft

16. Mai 2006, 13:25
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Jan Oliver Huber, Generalsekretär von Pharmig und Konsumentenschützer Harald Glatz von der Arbeiterkammer im STANDARD-Interview

STANDARD: Die Pharmaindustrie fordert eine Lockerung des Werbeverbots. Warum?

Huber: Wir leiden seit Jahren unter den Einschränkungen, die der Gesetzgeber der gesamten Branche auferlegt. Die Pharmaindustrie kann im Vergleich zu anderen Branchen nur eingeschränkt agieren. Gleiches Recht für alle ist ein legitimer Wunsch und Marketing spielt für den geschäftlichen Erfolg eine wesentliche Rolle. Pharmaunternehmen notieren an der Börse, müssen Gewinne bringen, treiben damit aber auch die Entwicklung neuer Medikamente voran. Das sind alles wichtige Argumente, die für Erleichterungen sprechen.

STANDARD: Was genau stellen Sie sich vor?

Huber: Wir wollen in Teilbereichen eine Lockerung des Werbeverbotes gegenüber Patienten erwirken. Bisher ist das kategorisch verboten. Konkret geht es uns darum, in Selbsthilfegruppen unsere Produkte präsentierten zu können. Auch eine EU-Initiative, die diese Möglichkeit zumindest für HIV-, Osteoporose- und Diabetespatienten vorsah, ist gescheitert. Dabei orten wir ein gesteigertes Informationsbedürfnis.

Glatz: Der Wunsch nach einer Lockerung des Werbeverbots hat einen wirtschaftlichen Hintergrund. Ich glaube, dass die Innovationskraft der Pharmaindustrie an eine Grenze gestoßen ist. Nun geht es darum, die Renditen zu steigern und Marketing spielt dabei zweifellos eine wichtige Rolle. In den USA hat man dem Druck der Pharmaindustrie bereits nachgegeben, genau das soll jetzt auch in Europa passieren.

STANDARD: Und was kritisieren Sie daran?

Glatz: Der Großteil des Werbebudgets würde in die Vermarktung von einigen wenigen Bestsellermedikamenten fließen, das lässt sich in den USA bereits heute beobachten. Und außerdem ist das Budget für Marketing bei den meisten Pharmaunternehmen auch heute schon höher als ihre Investitionen in die Forschung.

Huber: Amerika und Österreich lassen sich in dieser Hinsicht nicht vergleichen. Den Vorwurf der hohen Marketingausgaben hören wir immer wieder. Derzeit ermöglichen wir vielen jungen Ärzten die Teilnahme an wissenschaftlichen Veranstaltungen. Das läuft unter Marketingkosten, kann aber doch wirklich nicht als Kritik gewertet werden.

STANDARD: Worum geht es Ihnen also in Österreich?

Huber: Vor allem um die Volksgesundheit. Woher, wenn nicht von den Herstellern selbst, sollten mündige Konsumenten und Patienten denn Information beziehen? Wir wollen Aufklärungsarbeit leisten. Ich denke an Diabetiker, sie sind gut organisiert, kennen sich aus und sollen erfahren dürfen, was wir für sie machen können.

Glatz: Gegenüber Ärzten besteht das Werbeverbot ja ohnehin nicht. Als Patient ist man aber doch in irgendeiner Weise immer geschwächt und deshalb sehr anfällig für Botschaften. Deshalb ist Werbung, die ja grundsätzlich zu verkaufen versucht, geradezu gefährlich. Die Information sollte weiterhin über den Arzt laufen.

STANDARD: Sie glauben also nicht an den mündigen Konsumenten?

Glatz: Doch, den mündigen Konsumenten gibt es, doch es gibt auch jene, die zu viel Information einfach überfordert. Der Grad zwischen Information und Werbung ist bekanntlich schmal. Ich weiß aus Erfahrung, dass dort, wo Information draufsteht, meistens Werbung drinnen ist. Bei Medikamenten ist diese Tatsache besonders heikel.

Huber: Information ist doch nicht automatisch mit Werbung gleichzusetzen und zu viel Information kann es nicht geben. Jeder sollte das Recht und die Voraussetzungen haben, sich eine eigene Meinung bilden zu können.

Glatz: Das ist unbestritten, nur dafür muss Information objektiv sein. Eine Aufhebung des Werbeverbots wird die Gesellschaft nicht gesünder machen. Im Gegenteil: Es kommt zu einer "Medikamentisierung" der Gesellschaft.

Huber: Wir wollen keine Anzeigen schalten, keine TV-Werbung für rezeptpflichtige Medikamente machen, wir wollen lediglich speziellen Patientengruppen mitteilen dürfen, was wir machen. Damit würden Patienten zu mehr Wissen kommen, könnten sich auf das Gespräch mit einem Arzt gut vorbereiten, würden ernster genommen werden. Das Dreiminutengespräch mit dem Arzt, das immer mehr zur Realität wird, kann doch nicht genug sein.

STANDARD: Wie gehen Konsumentenschützer mit den knapper werdenden Ressourcen im medizinischen Bereich um. Sehen Sie hier keine Probleme?

Glatz: Natürlich gibt es Verbesserungsbedarf. Doch Information zu Medikamenten sollte immer produktübergreifend sein. Es wäre deshalb eine hervorragende Idee, eine unabhängige Institution mit dem Aufbau einer Arzneimitteldatenbank zu beauftragen. Wer Information sucht, bekommt den Vergleich verschiedener Produkte. Das ist Meinungsbildung.

STANDARD: Die Konsumentenschützer haben also Angst, dass Patienten von Medikamentenherstellern in die Irre geführt werden könnten.

Huber: Aber das können wir ja gar nicht, weil wir vom Gesetzheber auch in anderer Hinsicht sehr strenge Auflagen zu erfüllen haben. Bis ein Medikament auf den Markt kommt, muss es ja eine unglaubliche Anzahl von Qualitätskriterien erfüllen. Medikamente sind im Sinne der Entwicklung und Herstellung ja überaus wertvolle Produkte. Zudem verbleibt letztendlich die Entscheidung über die Wahl eines zu verschreibenden Arzneimittels ja ebenso beim Arzt. Es gibt genügend Sicherheitsschranken. Es kann wirklich nichts schief gehen, wenn wir Konsumenten informieren wollen.

STANDARD: Was also wäre ein Plus an Informationen?

Huber: Patienten sollen über Innovationen unterrichtet werden. Neue Medikamente am Markt werden zu Beginn oftmals nicht von den Krankenkassen finanziert, können aber im individuellen Fall eine entscheidende Verbesserung der Lebensqualität bringen. Über diese Dinge wollen wir reden, damit die Betroffenen sich dann mit Ärzten beraten können. Volksgesundheit ist doch auch ein politisches Ziel.

Glatz: Es gibt doch aber einen größeren Rahmen für diesen Vorstoß. Man will das Werbeverbot für rezeptpflichtige Medikamente lockern und beginnt mit Informationsabenden für Selbsthilfegruppen. Das ist ein erster Schritt, dem weitere folgen werden.

STANDARD: Was wäre für einen Konsumentenschützer der schlechteste Fall?

Glatz: Dass sich nur große, finanzkräftige Unternehmen Werbung leisten können und immer erfolgreicher werden. Dass Patienten Information und Werbung nicht unterscheiden können und Ärzte durch Patienten, die von einem ganz tollen, neuen Medikament in der Selbsthilfegruppe gehört haben, plötzlich unter Druck geraten.

Huber: Ihre negative Einstellung verwundert mich. Der Großteil, der in unserem Berufsverband vertretenen Unternehmen sind Klein- und Mittelbetriebe. Sie alle würden eine Lockerung des Werbeverbot begrüßen.

STANDARD: Wäre es auch eine Option, wenn die Pharmaindustrie auf ihren Websites im Internet mehr Informationen anbieten dürfte?

Glatz: Nein, dem Konsumentenschutz geht es um objektive Information. Die Größe eines Unternehmens sollte keine Rolle spielen. Werbung ist ein Wirtschaftsfaktor, nicht nur die Pharmaindustrie, sondern auch die Werbewirtschaft hat großes Interesse an einer Aufweichung des Werbeverbots.

Huber: Das Internet allein löst aber doch unser Problem nicht. Unsere Berufsgruppe kann sich noch nicht einmal gegen falsche Behauptungen, die auf irgendwelchen Seiten im Internet auftauchen, wehren. Schon die Richtigstellung ist verboten, bei gefälschten Medikamenten ist das ein großes Thema.

Glatz: Aber die Möglichkeit zu werben wird dieses Problem nicht lösen.

Huber: Noch einmal: es geht nicht um eine Freigabe des Werbeverbots, sondern um eine Lockerung. Ich bin überzeugt, dass Österreichern und Österreicherinnen Information zu Medikamenten zuzumuten ist. Das Recht auf Information würde übrigens auch meinem demokratiepolitischen Verständnis entsprechen.

Glatz: Ja, wenn der Rahmen definiert ist. Und gerade weil die Pharmawirtschaft ökonomischen Gesetzen unterworfen ist und Medikamente keine Konsumgüter sind, muss hier Vorsicht walten. Die Grenze zwischen Information und Werbung ist ein Graubereich und den wollen wir nicht.

Huber: Je erfolgreicher Pharmaunternehmen sind, desto mehr Geld fließt in die Entwicklung neuer Medikamente. Eine Lockerung des Werbeverbots ist ein Schritt, den Konsumentenschützer ruhig mitgehen könnten. Denn ein Risiko gibt es dabei nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 3. 2006)

Das Interview führte Karin Pollack
  • Jan Oliver Huber (links) beim Standard-Streitgespräch mit Konsumentenschützer Harald Glatz.
    foto: standard/cremer

    Jan Oliver Huber (links) beim Standard-Streitgespräch mit Konsumentenschützer Harald Glatz.

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