Einserfrage mit Leitl: "Seit heute per Du" mit Verzetnitsch

28. März 2006, 15:17
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Der Wirtschafts­kammer­präsident zum Rücktritt von Verzetnitsch und zur Zukunft der Sozialpartnerschaft

derStandard.at: Was sagen Sie zum Rücktritt von Fritz Verzetnitsch? Tut es Ihnen leid, dass sie einen Freund und ein Sozialpartner-Vis á Vis verloren haben?

Leitl: Man kann sich seinen Partner nie aussuchen und es war seine Entscheidung, die persönliche Verantwortung zu übernehmen. Das war meiner Meinung nach eine sehr mutige, verantwortungsbewusste und geradlinige Entscheidung, die vom Charakter des Fritz Verzetnitsch geprägt ist. Ich warte nun ab, wer definitiv im ÖGB mein neues sozialpartnerschaftliches Gegenüber wird. Wer vom ÖGB nominiert wird, wird mit einer konstruktiven Partnerschaft rechnen können.

derStandard.at: Es gibt ja zahlreiche Stimmen, die die Freiwilligkeit des Rücktritts bezweifeln.

Leitl: Er sagt, dass es freiwillig war, daher glaube ich das.

derStandard.at: Hundstorfer ist der derzeitige Interimspräsident, dem Vorsitzenden der Gewerkschaft der Privatangestellten, Wolfgang Katzian, werden große Chancen eingeräumt, zum Nachfolger gewählt zu werden. Freundschaftsverhältnisse wie zu Verzetnitsch existieren zu beiden nicht?

Leitl: Es hat auch zu Verzetnitsch nicht von Anfang an eine Freundschaft bestanden. Vielmehr ist die Vertrauensbasis im Laufe der Jahre gewachsen. Wir waren auch bis zum heutigen Tag per Sie. Als er heute zum Abschied hier war, haben wir das Du-Wort vereinbart. Das zeigt nur, dass wir sachlich gearbeitet haben, wohl wissend, dass jeder manchmal unterschiedliche Positionen zu vertreten hat, aber in der Zielsetzung einig. All dieses dümmliche Gerede vom Kuschelkurs nervt. Wer den "Kuschelkurs" bekrittelt, soll nach Frankreich schauen. Wem das lieber ist, bitte.

derStandard.at: Es wird ja nicht erst seit den aktuellen Ereignissen darüber diskutiert, wie sich die Sozialpartnerschaft entwickeln soll. Ist das jetzt eine Gelegenheit für Veränderung?

Leitl: Die Sozialpartnerschaft muss Antworten geben auf die Fragen der Menschen, die in einer Zeit dramatischer Umbrüche leben und sich Sorgen um die Zukunft machen. Diese Sorgen müssen von der Sozialpartnerschaft aufgegriffen werden. Das kann sie auch - gemeinsam mit Politik, Gesellschaft, Bildungseinrichtungen, AMS etc. - bewerkstelligen. Und zwar deswegen, weil sie Experten, Praxisbezug und vor allem langfristige Orientierung bietet. Das passiert unabhängig von Personen.

derStandard.at: "Dieser Skandal um den ÖGB wäre der richtige Auslöser, um die Sozialpartnerschaft endlich vom schädlichen Parteieneinfluss und dessen Geiselhaft zu befreien" sagt BZÖ-Staatssekretär Dolinschek heute der APA. Sehen Sie das auch so?

Leitl: In einer Demokratie darf jeder sagen, was er denkt. Ich persönliche meine, dass die Sozialpartnerschaft aus der Sicht der politischen Parteien oft viel zu unabhängig agiert. Wenn Herr Dolinschek auffordert, noch unabhängiger zu agieren, soll er das tun.

derStandard.at: Welche Rolle wird die Sozialpartnerschaft in einer möglichen großen Koalition spielen?

Leitl: Über Koalitionen spekuliere ich nicht. (mhe)

Christoph Leitl ist Präsident der Wirtschafts­kammer Österreich.

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Siehe auch

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  • Das Ende einer beruflichen Zusammenarbeit wurde mit dem Du-Wort besiegelt.
    foto: cremer

    Das Ende einer beruflichen Zusammenarbeit wurde mit dem Du-Wort besiegelt.

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