Pressestimmen: "Verfrühter Optimismus" bei Kadima?

28. März 2006, 22:01
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Der Tagesspiegel: "Die Kadima hat von allem und allen ein bisschen"

Berlin/Zürich/Rom - Mit den israelischen Wahlen beschäftigen sich am Dienstag zahlreiche europäische Pressekommentatoren :

"Der Tagesspiegel" (Berlin):

"Die Kadima hat von allem und allen ein bisschen. 'Wer nicht weiß, was er wählen soll, der wählt die Kadima' (...) Vor allem nach der Wahl der Hamas in den besetzten Gebieten stünden die Israelis mehr denn je hinter Ehud Olmerts Politik der unilateralen Schritte. Niemand konnte damit rechnen, dass der starke Sharon, um den die Kadima geformt wurde, so unerwartet abtreten würde. Aber obwohl er seit Januar im Koma liegt, bleibt er die größte Anziehungskraft für die Kadima-Wähler."

"Neue Zürcher Zeitung":

"Angesichts der hohen Zahl unentschiedener Wähler sind die Vorhersagen mit Vorsicht aufzunehmen. Vor wenigen Wochen hatte Olmert öffentlich seinen Optimismus in Bezug auf das zu erwartende Wahlresultat zum Ausdruck gebracht. Diese Siegesgewissheit könnte der Partei nun zum Verhängnis werden. Das Interesse der Bevölkerung an der Wahlbeteiligung ist so tief wie noch nie. Als Erklärungen für die Lethargie geben Bürger jeweils an, dass das Resultat sowieso schon bekannt sei, dass niemand ihre wahren Interessen vertrete, dass man ob der Korruption in der Politik enttäuscht sei."

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Eine Koalition der Kadima mit dem rechtsnationalen Likud unter Führung von (Ex-Premier) Benjamin Netanyahu scheint ausgeschlossen, denn Netanyahu weigert sich strikt, Siedlungen im Westjordanland aufzulösen, wie es Olmert anstrebt. Nach Ansicht von Netanyahu hat der einseitige, das heißt nicht mit den Palästinensern verabredete Abzug Israels aus dem Gaza-Streifen die palästinensischen Terrorgruppen in der Meinung bestärkt, dass die Intifada zum Abzug Israels geführt habe. Der Abzug sei eine 'Belohnung für die Hamas', sagt Netanyahu. Olmert dagegen verfolgt den Plan weiterer Siedlungsauflösungen aus ganz pragmatischen Gründen, nicht etwa, um eine der Hauptforderungen der Palästinenser, das Ende der Besatzung, zu erfüllen. (...) Der Bau des Trennzauns und der Umzug der Siedler ist als Abkehr von den Palästinensern zu verstehen. Olmert trifft damit die Grundstimmung in der israelischen Bevölkerung."

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Die Augen der Welt sind auf die Wahlen gerichtet, die heute in Israel stattfinden. Die Prognosen sehen die Kadima als Siegerin, die Partei, die nach dem Willen Ariel Sharons aus einer Spaltung des Likud geboren wurde. Falls dies geschieht, dann wird sich die israelische Politik von jetzt an deutlich von der in den vergangenen Jahrzehnten unterscheiden. (...) Nur ein voller Erfolg der Kadima würde Olmert die Freiheit lassen, jene Politik des einseitigen Rückzugs aus einem Teil der palästinensischen Territorien fortzusetzen, die von Sharon mit der historischen Entscheidung, Gaza zu verlassen, eingeleitet wurde."

"Il Messaggero" (Rom):

"Das Land stimmt heute weniger über die einzelnen Parteien ab, als vielmehr über die Idee eines einseitigen Rückzugs. Der einseitige Rückzug ist die 'neue' Idee Sharons, die bereits im vergangenen August mit dem Rückzug aus dem Gaza-Streifen getestet wurde. Olmert, der Nachfolger Sharons an der Spitze der Regierung und der Kadima-Partei (...), hat sicherlich weder das gleiche Charisma noch die gleiche Beliebtheit wie sein Vorgänger, aber er hatte den Mut, das politische Testament von einem der großen Alten der israelischen Politik einzubringen." (APA/dpa)

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