"Ein Thema, das nicht erkannt wurde"

28. März 2006, 13:22
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"FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher sieht in seinem neuen Buch keine Lösungen für den "sozialen Gau" - ein Interview

Sinkende Geburtenrate, alternde Gesellschaft: Viele sehen den Untergang des Sozialstaates. Einer ist Frank Schirrmacher, Herausgeber der "FAZ", der in seinem Buch "Minimum" einen sozialen GAU skizziert. Lösungen bietet er keine, auch nicht im Gespräch mit Birgit Baumann.

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Berlin - Frank Schirrmacher sorgt für Wirbel, treibt düstere Prognosen von Zukunftsforschern und Demografen auf die Spitze: In seinem Buch Minimum (Blessing, München) warnt er, unserer Gemeinschaft gehe der Zusammenhalt verloren, belastbare soziale Beziehungen würden knappes Gut. Uneigennützig füreinander einzustehen lernten Menschen nur in klassischen Familien. Die Familie sei der Gemeinschaft innerster Kern - doch den habe der Mensch inzwischen manipuliert, indem er immer weniger Kinder in die Welt setze.

STANDARD: Wie viele Kinder haben Sie eigentlich selbst?

Schirrmacher: Einen Sohn, aber den möchte ich aus der Debatte heraushalten.

STANDARD: Dann tragen auch Sie zu diesem "biologischen GAU" bei, den Sie in "Minimum" beschreiben.

Schirrmacher: Was nicht ist, kann noch werden. Es ist ja noch nicht aller Tage Abend.

STANDARD: Ihr Buch vermittelt den Eindruck, als steuere Deutschland direkt in den Untergang, weil zu wenig Kinder geboren werden.

Schirrmacher: Wir reden ja über Fakten. Jetzt werden noch sehr viele Ältere von sehr vielen Jüngeren finanziert. Aber es wird künftig immer weniger Jüngere geben, wenn sich nicht eine Generation entscheidet, durch Zuwanderung oder anderes alles anders zu machen.

STANDARD: In "Minimum" vermisst man Lösungen.

Schirrmacher: Man kann im Jahr 2006 nicht mehr über Lösungsmöglichkeiten im traditionellen Sinne reden. Die wären vor 20 Jahren möglich gewesen. Das Thema ist seit 25 Jahren ein Megathema, das nicht erkannt wurde, weil alle dachten: Wir haben noch Zeit.

STANDARD: Musste erst Ihr Buch kommen, um wachzurütteln?

Schirrmacher: Aufregung herrscht, weil die Geburtenrate von Deutschland zum ersten Mal nur noch vom Vatikan unterboten wird und in Europa eine Ein-Kind-Familie die Wunschvorstellung ist. Da funktioniert eine Gesellschaft, die wahnsinnig viel Geld gespart hat. Das haben wir aber nicht. Viele Leute haben sich darauf verlassen, dass der Sozialstaat ihnen in den existenziellen Fragen beisteht - im Alter, bei Krankheit und der Arbeit. Die sind jetzt in einer ziemlich blöden Situation. Weil der Staat sagt: Ihr müsst zurück zur Familie. Die ist aber oft nicht mehr da.

STANDARD: Anstelle der klassischen Familie entsteht ja etwas Neues. Gelten Patchwork-Familien bei Ihnen nichts?

Schirrmacher: Doch. Aber schauen Sie sich doch die Kinder in solchen Familien an. Die müssen Loyalität und Hilfe für die leiblichen Eltern entwickeln und die, die durch Patchwork dazukommen. Eine ungeheure Last. Darum ist mein Thema das der Familie - um diesen Kindern Familiengründungen zu ermöglich.

STANDARD: Man kann es als Plädoyer für "Frauen an den Herd und gebären" verstehen.

Schirrmacher: Das steht da nicht drin. Ich sage genau das Gegenteil. Dass Frauen im nächsten Jahrzehnt unglaublich wichtig werden. Es wird ein Riesendruck auf sie entstehen. Sie müssen arbeiten, Kinder kriegen und es stellt sich für sie die Frage: Was tue ich mit meinen alten Eltern.

STANDARD: Warum nehmen Sie die Söhne bei der Pflege nicht in die Pflicht?

Schirrmacher: Die haben es ja viel schwerer. Ich beschreibe ja bei der Katastrophe am Donnerpass (1846 stecken 81 Siedler monatelang am Rande der Sierra Nevada im Schnee fest, Anm.), wie sich die Männer einbilden, als Einzelne durchs Leben zu kommen. Und das funktioniert eben nicht.

STANDARD: Von derartigen Katastrophen werden aber heute die wenigsten heimgesucht.

Schirrmacher: Wir werden in Deutschland bei den jungen Männern ein ganz großes Problem bekommen. In den neuen Bundesländern hat sich das Geschlechterverhältnis total verschoben. Die Mädchen jagen in den großen Städten der Bildung nach, die jungen, unqualifizierten Männer bleiben zurück. Für die wird es echt heftig. Ich weise denen natürlich eine irrsinnige Aufgabe zu: Die müssen fast von den Mädchen lernen.

STANDARD: Noch einmal: Müsste jemand, der die Auswirkung von Kinderlosigkeit so drastisch beschreibt, nicht auch Lösungsvorschläge nennen?

Schirrmacher: Das kommt im Buch nicht so vor, weil es langweilig wäre, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie viel besser funktionieren muss. Um zu wissen, wie die Gesellschaft tickt, müssen wir erst einmal wissen, welche Erwartungen Menschen haben und das ist eine aufregende Sache. (DER STANDARD Printausgabe, 28.03.2006)

Zur Person:

Frank Schirrmacher (45) studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie. 1985 begann er in der Feuilletonredaktion der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", seit 1994 ist er einer der fünf Herausgeber. Sein davoriges Buch, auch ein Aufreger: "Das Methusalem-Komplott"

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