Lokalaugenschein: "Ein Bier auf unseren Verzetnitsch Fritzl"

31. März 2006, 11:55
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Eindrücke aus dem Herzen der Linzer Schwerindustrie: Das gewerkschaftliche Vertrauen ist auf unbestimmte Zeit dahin

Ein Lokalaugenschein im Herzen der Linzer Schwerindustrie zeigt deutlich: Die Enttäuschung unter den ÖGB-Mitgliedern nach der Bawag-Affäre samt Haftung in Milliardenhöhe ist groß, das gewerkschaftliche Vertrauen auf unbestimmte Zeit dahin. Zahlreiche Austritte waren bereits die Folge.

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Linz - "Es tut weh, es tut so verdammt weh" - Leopold A. geht es richtig schlecht. Der Voest-Mitarbeiter ist seit 35 Jahren ÖGB-Mitglied, mit der Bawag-Affäre und vor allem mit dem Rücktritt von Fritz Verzetnitsch ist die heile Gewerkschaftswelt für ihn am Montag wie ein Kartenhaus zusammengebrochen.

Halt sucht der 55-Jährige nur wenige Stunden nach dem Rückzug "seines Präsidenten" vor allem am Tresen in "Hannis Beisl" - quasi dem Szenetreff im Linzer Industrieviertel. "Irgendwie ist das alles ziemlich unfair. Der Verzetnitsch hat jetzt den Kopf hinhalten müssen für das, was die Bank-Haberer verbockt haben", jammert Leopold H. und gönnt sich einen kräftigen Schluck Bier. Die Schinken-Fleckerl vor ihm haben schon wärmere Zeiten erlebt. "Mir ist nicht nach Essen."

Bittere Tränen in Rot

"Da trink ich lieber noch ein Bier auf unseren Verzetnitsch Fritzl", hadert der Voestler mit seinem Schicksal und winkt nervös der Kellnerin. Dass man mit einem Trinkspruch auf den ÖGB dieser Tag auch ordentlich einfahren kann, muss Leopold A. kurze Zeit später am eigenen Leib erfahren. Die Mehrheit in Hannis Beisl ist mächtig sauer auf den Gewerkschaftsbund. Herr Leopold räumt ob dieser aufgebrachten Überzahl lieber das Feld, außerdem sei ihm "was ins Aug geflogen", meint er, als er sich verlegen ein paar Tränen wegwischt.

Im Eck der schummrigen Industriespelunke weint man hingegen dem gefallenen Gewerkschafts-Boss keine einzige Träne nach. Versammelt hat sich dort ein Teil der Frühschicht des nahen Pharma-Riesen "Nycomed Austria". Dort standen bereits in den frühen Morgenstunden etliche ÖGB-Mitglieder beim Betriebsrat, um ihren Austritt bekannt zu geben.

Mit dem Rücktritt Verzetnitschs machte zwar der Großteil einen Rückzieher, der Ärger ist jedoch geblieben. "Das ist doch alles ein Wahnsinn. Wir zahlen monatlich brav ein, und dieser Scheißkerl vergreift sich einfach an unserem Geld", poltert einer der Anwesenden und erntet dafür den tosenden Spontanapplaus der Anwesenden. Bestreikt werden beim "lokalen" ÖGB-Aufstand in Linz vor allem aber die Hacklermenüs. Die Geldsorgen von Beisl-Chefin Hanni dürften sich an diesem Montag wohl kaum um Karibik-Geschäfte und milliardenschwere Verluste der Bawag drehen.

Mit der Frage, ob man nicht auch so etwas wie Mitleid mit dem langjähren ÖGB-Präsidenten habe, schürt man lediglich die Wut bei den Schwerarbeitern. "Mit so einem wie dem braucht man wirklich kein Mitleid haben", ist man überzeugt. "Solche wie der fallen doch eh immer auf die Butterseite des Lebens. Jetzt wartet auf den Verzetnitsch halt ein lukrativer Versorgungsposten", glaubt ein anderer.

Außerhalb von Bier- und Zigarettendunst gibt man sich deutlich vorsichtiger. Der Weg aus der der Beisl-Welt hin zum nahen Schichtlerbus-Terminal führt übrigens vorbei an Herrn Leopold A., der jetzt am Parkplatz vor dem Lokal ÖGB-Trauer trägt. "Sicher hätte der Herr Präsident strenger sein und der Bawag schon früher eine auf die Finger geben können - aber er wollte halt nicht so einen großen Wirbel schlagen", zeigt AMI-Mitarbeiter Karl Heinz B. vorsichtig Verständnis für den abgetretenen ÖGB-Präsident und erntet dafür ein lautstarkes "du Weichei" aus den Reihen seiner Bus-Kollegen. Die Frage einer Kündigung der Mitgliedschaft stellt sich aber unter den verärgerten Pendlern nicht.

"Das Geld ist flöten"

Vor dem nahen OMV-Gebäude hat sich die nächste kleine ÖGB-Diskussionstruppe im Blaumann versammelt. Dort ist man aber eher bemüht, die Blicke in die gewerkschaftliche Zukunft zu richten: "Das Geld der Bawag ist ja sowieso schon flöten und Verzetnitsch hat die Konsequenzen ziehen müssen, jetzt müssen wir in die Zukunft schauen."

Natürlich habe man überlegt, aus Protest auszutreten, aber so ganz ohne Gewerkschaft ... - da bleibe man dann doch lieber "aktives Mitglied" und hoffe auf einen guten, neuen Präsidenten. "Den Besten haben wir soeben verloren und euch ist das wurscht" - Leopold A. hat sich auf der Suche nach Verbündeten mittlerweile vom Beisl-Parkplatz wegbewegt. Dass man "den Besten" verloren habe, will man aber offensichtlich auch vor dem OMV-Gebäude nicht so recht glauben.

Sandige Skepsis

Skeptisch steht man unter den Mitarbeitern der großen Linzer Industriebetriebe offensichtlich auch den ÖGB-Entscheidungsträgern im eigenen Bundesland gegenüber. Der geschäftsführende Landesvorsitzende des ÖGB-Oberösterreich und Arbeiterkammer-Präsident Johann Kalliauer etwa erntete für seine Würdigung des Rücktritts von Fritz Verzetnitsch als "Akt hoher politischer Verantwortung" hämische Bemerkungen. "Die stecken doch alle unter einer Decke und jeder schaut doch nur, dass er seine eigene Haut retten kann", mault ein verärgerter Arbeiter.

Auch dass "kein Geld der ÖGB-Mitglieder in den Sand gesetzt wurde" (Kalliauer), wollte man beim STANDARD-Lokalaugenschein nicht so recht glauben. "Die ham' so viel Sand in der Karibik, da kann doch kein Mensch mehr nachprüfen, was da von unseren Geldern wirklich verbuddelt wurde", ist ein OMV-Mitarbeiter überzeugt. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.3.2006)

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