Noch ein Feldherr zum Kuscheln

28. März 2006, 14:03
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Mozarts Jugendoper "Der Traum des Scipio" im Klagenfurter Stadttheater: Die fehlende dramatische Handlung kompensiert Sturminger mit einer Fülle szenischer Ideen

In Kooperation mit den Salzburger Festspielen bringt das Klagenfurter Stadttheater Mozarts Jugendoper Il sogno di Scipione zur Aufführung: Das erst 1984 (!) szenisch uraufgeführte Werk des Fünfzehnjährigen dürfte von seinen Widmungsträgern (Hieronymus Colloredo bzw. sein Vorgänger) nie gehört worden sein. Das Fehlen einer dramatischen Handlung sowie die barocken Vorbildern entsprechende Aneinanderreihung von Rezitativen und "entschärften" Da-capo-Arien kompensiert Regisseur Michael Sturminger mit einer Fülle an szenischen Ideen:

Blagoj Nacoski als etwas schwerfälligem Scipione wird es nicht leicht gemacht, sich für eine der beiden Tugenden zu entscheiden; abwechselnd kuscheln sich die verführerischen Damen an den träumenden (?) Feldherrn, schließlich darf sich eine heftig werbende Costanza als Siegerin feiern lassen. Ständige Garderobenwechsel (vom neckischen Pyjama über sexy Dessous bis zum seriösen Nadelstreif) verlangen den Protagonisten einiges an Kondition ab. Im Sarg liegend zu singen (Publio), auch das bedarf einiger Anstrengung, "Himmelsbewohner" zum Sandspielen zu animieren, ausgeprägter Fantasie. Bühne und Akteure - zwischen Himmel und Erde pendelnd - erscheinen im zeitgeistigen Ambiente der Yuppiegeneration. Sängerisch und darstellerisch herausragend agieren Louise Fribo (Costanza) und Bernarda Bobro (Fortuna), die den immens schwierigen Koloraturen jederzeit gewachsen sind. Iain Patons Publio sowie Robert Selliers Emilio erklingen solide. Das Kärntner Sinfonieorchester erweist sich als homogener Klangkörper, der vom jungen Dirigenten Robin Ticciati zu einigen Derbheiten verleitet wird. Die unkonventionelle, aber stets schlüssige Interpretation eines nahezu unbekannten, mit beeindruckenden Gesangsleistungen garnierten Frühwerks erweist sich als szenischer Glücksgriff! (bay/DER STANDARD, Printausgabe, 28.3.2006)

Stadttheater Klagenfurt
0463/540 64
19.30 Uhr
  • Welche der beiden Tugendhaften darf es sein? - Louise Fribo, Blagoj Nacoski, Bernarda Bobro (v. li.).
    foto: stadttheater klagenfurt/zoltan

    Welche der beiden Tugendhaften darf es sein? - Louise Fribo, Blagoj Nacoski, Bernarda Bobro (v. li.).

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