Sieg für Blau, neue Chance für Orange

30. März 2006, 15:22
47 Postings

Das orange Lager sammelt sich um Julia Timoschenko und bastelt an einer neuen Koalition - Janukowitsch will mit allen verhandeln

Die Parlamentswahlen in der Ukraine hat wie erwartet Expremier Viktor Janukowitsch gewonnen. Die Sensation aber lieferte Julia Timoschenko, deren Partei jene von Präsident Viktor Juschtschenko auf Platz drei verwies.

* * *

"Julka natürlich! Was haben Sie gedacht?" Natalja hat schon lange gewusst, wer das Rennen machen würde. "Julka hat uns nicht verraten", setzt die 45-jährige Putzfrau nach. "Julka" nennen Julia Timoschenkos Anhänger ihr Idol zärtlich im Diminutiv. "Julchen" aber ist so harmlos nicht. "Sie ist radikal und scheut vor nichts zurück, um Macht zu erlangen", warnt der Schriftsteller Andrej Kurkow. "Na und", entgegnet der Taxler Valeri: "Soll sie das Zeug zum Autoritären haben. Wir verwechseln ohnehin Demokratie mit Zügellosigkeit."

Großer Verlierer

Lediglich 13 bis 17 Prozent und Platz drei wurden Timoschenkos Block "BJuT" prognostiziert. In Wirklichkeit hat sie die Sensation der Parlamentswahlen vom Sonntag geliefert. Nach Auszählung von rund 50 Prozent der Stimmen und laut Nachwahlbefragungen brachte es BJuT auf 23,41 Prozent und verwies damit die Partei "Unsere Ukraine" (UU) ihres Weggefährten bei der Revolution, Präsident Viktor Juschtschenko, mit 16,30 Prozent auf Platz drei. Juschtschenko ist der große Verlierer des ersten Stimmungstests nach der "orangen Revolution".

Verloren aber hat wie erwartet das orange Lager als gesamtes. Denn wenn es auch insgesamt eine Spur besser abschnitt, als die Prognosen auswiesen, ist von der Euphorie der Revolution wenig geblieben. Die Menschen sind enttäuscht, jedenfalls ernüchtert, 67 Prozent Wahlbeteiligung angesichts des hohen Politisierungsgrades nach der Revolution eher schwach.

Sieger sind die "Blauen"

Sieger der Wahlen, die von Beobachtern und auch von der EU als fair und frei eingestuft werden, sind die im Osten und Süden des Landes starken "Blauen": die "Partei der Regionen" (PR) des einstigen Premiers Viktor Janukowitsch. 27,38 Prozent konnte der Juschtschenko unterlegene Präsidentschaftskandidat nach den am Montagabend verfügbaren Daten einfahren, gemäß Nachwahlbefragungen 31 Prozent. Er, den die orange Revolution ins politische Out gedrängt zu haben schien, ist also zurück. Besser gesagt sein Hauptfinanzier, der Industrie- und Finanzoligarch Rinat Achmetow.

Der Ukraine stehen nun lange Koalitionsverhandlungen bevor, die umso härter geführt werden, als Parlament und Premier fortan durch die Verfassung zuungunsten des Präsidenten aufgewertet sind. Juschtschenko hat seinem Premier Juri Jechanurow den Auftrag für Verhandlungen erteilt.

Janukowitsch: Mit allen verhandeln

Er werde mit allen, auch den kleinen Parteien, verhandeln (neben den Sozialisten mit 7,3 Prozent schafften von den 45 Parteien nur die Kommunisten mit 3,5 Prozent den Einzug ins Parlament), ließ Janukowitsch anklingen. Dass er sich mit Juschtschenkos Lager zusammentun könnte, wird seit langem kolportiert.

Das Wahlergebnis gibt aber den zerstrittenen Orangen nochmals eine Chance zur Einigung. Jedenfalls sprachen BJuT und UU am Montag mit den Sozialisten von Alexander Moros über eine Neuauflage ihrer im Vorjahr gescheiterten Regierung.

Im Kampf um das Kiewer Bürgermeisteramt unterlag Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko dem Finanzier Leonid Tschernowizki. (DER STANDARD, Printausgabe 28.3.2006)

Von Eduard Steiner aus Kiew

Nachlese
Die Orangen sammeln sich um Timoschenko

  • Das orange Lager sammelt sich um "Julka", wie Julia Timoschenkos Anhänger die Politikerin nennen. "Julchen" aber ist so harmlos nicht, warnt beispielsweise der Schriftsteller Andrej Kurkow.

    Das orange Lager sammelt sich um "Julka", wie Julia Timoschenkos Anhänger die Politikerin nennen. "Julchen" aber ist so harmlos nicht, warnt beispielsweise der Schriftsteller Andrej Kurkow.

Share if you care.