Ungarn: Parteien buhlen um Roma

29. März 2006, 15:28
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Minderheit wird "entdeckt" - Roma gründen eigene Partei

Budapest - Stehen Parlamentswahlen an, entdecken politische Parteien Ungarns die größte Minderheit, die rund 700.000 Roma. Viktor Orban, Vorsitzender des oppositionellen rechtskonservativen Fidesz-Ungarischer Bürgerverbandes, nahm am Montag in Budapest an einem Roma-Forum teil und versprach der Volksgruppe ein besseres Leben. Orban warnte zugleich davor, dass vor Wahlen immer wieder versucht würde, die Roma mit "leichten und schnellen Versprechungen" zu beeinflussen. Darüber sollte sich die Volksgruppe im Klaren sein, wenn sie am Wahltag ihre Stimme abgebe.

Florian Farkas, Sprecher des Roma-Programmes und Vorsitzender der Roma-Organisation Lungo Drom, wirft den regierenden Sozialisten vor, nichts für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Roma getan zu haben. Laszlo Teleki, Staatssekretär für Roma-Fragen im Ministerium für Chancengleichheit, dementiert und erinnert an Milliarden-Finanzspritzen für die Verbesserung der Arbeits- und Bildungschancen der Roma.

Während Lungo Drom mit Fidesz kooperiert, haben einige Roma ihre eigene Partei gegründet, die Partei "MCF - Partei des Roma-Zusammenschlusses", und starten bei den Parlamentswahlen mit einer eigenen Landesliste. "Wir schreiben Geschichte", erklärte Orban Kolompar von MCF im ungarischen TV. Mit der Gründung der Partei "wollen wir zeigen, dass die Roma durchaus in der Lage sind, sich zu organisieren, ihre eigenen Ziele zu formulieren und die Interessen der Minderheit zu vertreten".

Größte Minderheit

Die Roma sind die größte Minderheit in Ungarn und kämpfen mit massiver Armut, 80-prozentiger Arbeitslosigkeit, schlechter Ausbildung und rassistischen Vorurteilen. Da werden Roma-Kinder in Sonderklassen gesteckt und isoliert, da wird für die "Roma-freie Discothek" geworben. Das heißt, auf dem Abstellgleis dauerparkt zu sein, denn wechselnde Regierungen hätte seit der Wende nur Versprechungen gemacht, erinnert Kolompar.

Mehr Arbeit

Die Roma brauchen mehr Arbeit, bessere Chancen im Bildungswesen, eine bessere Gesundheitsversorgung und die Abschaffung der Roma-Gettos. So lauten die Ziele der Roma-Partei "Zusammenschluss". Laut Kolompar bedeuten dauerhafte Arbeitsplätze für Roma, dass sie auch zu ordentlichen Steuerzahlern werden. "Und die 563 Roma-Ghettos, die es in Ungarn gibt, wollen wir innerhalb von fünf Jahren abschaffen." Doch ebenso wichtig sei auch der Kampf gegen Vorurteile.

Reale Ziele

Die Ziele der Roma-Partei seien real, meint Kolompar. Denn Geld sei durchaus vorhanden. In den Budgets der verschiedenen Regierungen habe es immer Mittel für die Integration der Roma gegeben. Jährlich immerhin 20 bis 30 Milliarden Forint (75,7 Mio. bis 113,6 Mio. Euro). "Wir brauchen also nicht mehr Geld, sondern fordern eine klügere, transparentere Verwendung der Mittel", forderte Kolompar. Und bei dieser Verwendung wollen wir Roma gefragt werden, denn "wir kennen unsere Probleme wohl am besten".

Der Roma-Politiker hofft, dass bei den Parlamentswahlen nicht nur Roma für seine Partei stimmen. Denn es läge doch im Interesse der ganzen Gesellschaft, dass über die Integration der Roma nicht nur geredet wird: "Die Probleme der Roma sind eine Zeitbombe und die tickt immer lauter." Würde diese tragische Situation nicht schnellstens gelöst, hätte das innerhalb von fünf Jahren unabsehbare Folgen für Ungarn. (APA)

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