Wohnen im Showroom

9. August 2006, 11:21
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Die Entwickler von "domus ideal", Österreichs erster Passivhaussiedlung für Ein- und Mehrfamilienhäuser, im STANDARD-Gespräch

In der Nähe von Wels entsteht derzeit Österreichs erste Passivhaussiedlung für Ein- und Mehrfamilienhäuser. Anke Klauß, Projektentwicklerin und Geschäftsführerin von "domus ideal", und Architekt Heinz Plöderl im Gespräch mit Wojciech Czaja.

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STANDARD: Welches Ziel verfolgen Sie mit dem programmatischen Namen "domus ideal"?

Anke Klauß: "domus ideal Wohnkonzepte" will einen verantwortungsvolleren Umgang mit Ressourcen erreichen. 2002 gegründet, konzentrieren wir uns auf Projektentwicklung im Bereich Passivbau. Der erste Teil dieses Projekts ist ein eben fertig gestelltes Wohn- und Geschäftshaus in Sipbachzell bei Wels. So eine Art Leitprojekt – Homebase und Showroom zugleich. Auf dem Areal rund um dieses Gebäudes, dem Sonnenfeld, soll in den nächsten Jahren auf 31 parzellierten Grundstücken eine Passivhaussiedlung entstehen Teilweise werden das Einfamilienhäuser sein, teilweise sind jetzt schon Reihenhäuser in Planung, die von der GriffnerHaus AG nach einem Entwurf von Proyer und Proyer umgesetzt werden.

STANDARD: Was kann man sich unter einem Wohn- und Geschäftshaus vorstellen?

Klauß: Einerseits ist es ein Wohnhaus, andererseits ein Ausstellungsgebäude, in dem die Besucher sehen können, was man im Rahmen eines Passivhauses alles machen kann. Für jeden Raum haben wir ein individuelles Material- und Farbkonzept entwickelt, das die individuellen Bedürfnisse der Bewohner berücksichtigt. Zum Beispiel Kinderzimmer mit einem Relaxboden aus Hainbuche, Vitalziegelwände mit weiß pigmentiertem Lehmputz und Decken in kräftigen Farben wie Türkis oder Rot. Bei der Umsetzung solcher Konzepte ist es wichtig, dass während der Planungsphase Raumhöhen, Licht und Raumklima optimiert werden, damit ein zufrieden stellendes Ergebnis erzielt wird. Mit der gleichen Sorgfalt sind wir auch außerhalb des Hauses vorgegangen: Der Teich davor ist ein Biotop mit ausschließlich heimischen Pflanzen und ist Bestandteil einer ökologischen Masterplanung für das Areal Sonnenfeld.

STANDARD: Das Haus entspricht mit viel Glas nach allen vier Seiten nicht dem klassischen Bild eines Passivhauses.

Plöderl: Es geht nicht darum, sich ständig im Korsett der medial transportierten Passivhaus-Vorstellung weiterzubewegen. Ein Passivhaus hat genau so und so auszusehen – dieses Klischee ist eigentlich seit 1999 passé. Nur hat sich diese Entwicklung noch nicht bei allen herumgesprochen. Die Auftraggeber wollten mit diesem großzügigen Projekt zeigen, welchen Komfort und welchen Zeitgeist man auch im an sich strengen Rahmen der Passivhaus-Technologie umsetzen kann. Das hier ist ein zukunftsorientiertes Haus, ein Gebäude zum Wohlfühlen und Genießen, das alle Wünsche ermöglicht. Wir brauchen großvolumige Bauaufgaben und diese grenzgängigen Konzepte, die uns an den Rand des derzeit Machbaren führen – im Interesse der global erforderlichen Energie- und Emissionseinsparung.

Klauß: Die Grundstücke sind so parzelliert, dass jeder Grundstücksbesitzer einen Anspruch auf Sonne geltend machen kann. Wir haben eine Messung im Dezember – also im sonnenscheinschwächsten Monat – vorgenommen und danach die Baufenster auf den Grundstücken bemessen. Kein Nachbarhaus und kein Baum können den Sonneneinfall behindern. Auch das gehört zu den Eckdaten einer Passivhaussiedlung.

STANDARD: Wie sieht die Zukunft des Passivhauses aus?

Plöderl: De facto ist es so, dass sich in zehn Jahren niemand mehr die Betriebskosten eines herkömmlichen Hauses wird leisten können. Die Heiz- und die Erhaltungskosten werden ins Unermessliche steigen, ein paar Teuerungen tun ja heute schon vielen weh. Der Wohnstandard, den wir gewöhnt sind, wird sich ohne Niedrigenergie- oder Passivhaus- Technologie nicht halten lassen. Viele Kunden argumentieren mit den höheren Baukosten und sind entsetzt, dass die Mehrkosten gegenüber einem konventionellen Gebäude etwa acht bis zehn Prozent betragen. Das ist sehr kurzfristig gedacht, denn spätestens im ersten Monat des Betriebes realisieren die Benutzer, wie gering beim Passivhaus die monatlichen Kosten sind. So weit und vor allem zusammenhängend denkt leider noch fast niemand.

STANDARD: Und wie wohnt es sich in einem Showroom?

Klauß: Es macht Spaß. Wie schon der Firmenname sagt: Es ist ein Idealhaus. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.3.2006)

  • Ressourcen sparen: Der Architekt Heinz Plöderl und die "domus ideal"-Geschäftsführerin Anke Klauß entwickeln in der Nähe von Wels eine Passivhaussiedlung.
    foto: standard/czaja

    Ressourcen sparen: Der Architekt Heinz Plöderl und die "domus ideal"-Geschäftsführerin Anke Klauß entwickeln in der Nähe von Wels eine Passivhaussiedlung.

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