Beim Lokalaugen­schein: "Schottenberg macht das ganz gut"

27. März 2006, 15:45
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Von Besucherflaute oder Krisenstimmung war in den vergangenen drei Tagen nichts zu merken, außer bei bei "Weiningers Nacht"

Wien - Eine heftige mediale Diskussion ist zuletzt über die Finanzen, aber auch über die Besucherzahlen des Wiener Volkstheaters entbrannt. Nach offiziellen Angaben beträgt die Gesamtauslastung der laufenden Saison 59 Prozent (Stand: 19.3.). Die APA hat in den vergangenen drei Tagen die Vorstellungen einem Lokalaugenschein unterzogen. Das Ergebnis: Von Besucherflaute oder Krisenstimmung nichts zu merken. Einzige Ausnahme: "Weiningers Nacht" sieht wirklich ziemlich finster aus.

Konkurrenzprogramm Fernsehen am Freitag?

Für die Freitag-Vorstellung der von Direktor Michael Schottenberg selbst besorgten Inszenierung des Sobol-Dramas "Weiningers Nacht" (die für die abgesagte "Golem"-Produktion eingeschoben worden war) waren an der Abendkasse problemlos Karten für jede Kategorie zu erhalten. In den Zuschauerreihen herrschte gähnende Leere. Geschätzte 150 Besucher verirrten sich ins Haus. Offiziell beträgt die Auslastung für dieses am schlechtesten laufende Stück der Saison 35 Prozent. An diesem Abend können es jedenfalls nicht mehr als 20 Prozent gewesen sein. Auch im Publikum wurde Ursachenforschung betrieben: "Am Freitagabend sitzen alle vorm Fernseher, da läuft 'Dancing Stars'", war sich eine Dame sicher.

Zwei Drittel gefüllt am Samstag

Samstags bot sich ein ungleich erfreulicheres Bild: Bei "Indien" waren zumindest Parkett und Parterre zu rund zwei Dritteln gefüllt, und es herrschte auch rege Nachfrage nach Restkarten. Das Publikum war großteils jung, Stimmung und Betriebsamkeit schien sich durch nichts von durchschnittlichen Vorstellungen der Ära der langjährigen Direktorin Emmy Werner zu unterscheiden. Mit dem Bellaria-Kino, wo an diesem Abend die Uraufführung einer Dramatisierung des Hugo Bettauer-Romans "Die Stadt ohne Juden" gegeben wurde, wurde außerdem eine neue Spielstätte direkt hinter dem Theater eröffnet. Eine gelungene, von manchen Premierenbesuchern als überfällig angesehene Idee, mit der das Haus mit dem Roten Stern in seine unmittelbare Umgebung abstrahlen möchte.

Maria Bill in "Die Ehe der Maria Braun"

"Wunder" verspricht in großen Lettern die Volkstheater-Werbung am U3-Aufgang, und "Ich mache die Wunder lieber selbst" lautet der Werbeslogan für "Die Ehe der Maria Braun", einem Stück nach einer Vorlage von Rainer Werner Fassbinder. Für Schmunzeln sorgte bei der sonntägigen Vorstellung Maria Bill in der Hauptrolle, als sie einen ihrer Geschäftskollegen dazu anhielt, "das Geld zusammen zu halten". Schließlich sei in seiner Position "Fantasie absolut geschäftsschädigend". Doch richtig geschädigt sah das Geschäft nicht aus: Auch in dieser Vorstellung war das Theater zu mehr als zwei Dritteln gefüllt. Offiziell hält das Stück bei einer Auslastung von 61 Prozent.

Ärger der Zuschauer über die Medienberichte

Die Stimmung im Haus war gut, den Zeitungsberichten wurde großteils kaum Glauben geschenkt. "Es ist eine Frechheit, was die zusammenschreiben", entrüstete sich etwa ein älteres Ehepaar. "Wir sind froh, dass wir trotzdem gegangen sind." Und ein weiterer Mann: "Die zerreden das Volkstheater nicht, die zerschreiben es." Eine Studentin ergänzte: "Ich gehe seit sieben Jahren mit Schüler- bzw. Studentenkarten hierher - aber am Zuschaueraufkommen hat sich nichts geändert."

"Schottenberg macht das doch ganz gut"

Die Geldsorgen waren zwar durchaus ein Thema, Klarheit schien dabei aber nicht zu herrschen: "600 Millionen braucht er, hat er gesagt", meinte etwa eine Dame und meinte wohl die 900.000 Euro, die Schottenberg auf Grund der Unterfinanzierung des Theaters gefordert hatte. Rundum wurde dem Theaterleiter jedenfalls das Vertrauen ausgesprochen, auf den Punkt brachte es ein Mann am Schluss des Abends: "Natürlich hängt's davon ab, wer's macht - aber der Schottenberg macht das doch ganz gut."

Hundsturm

Am gleichen Abend war auch der viel diskutierte Hundsturm, dessen Spielbetrieb künftig drastisch heruntergefahren werden soll, geöffnet. Die szenische Lesung von Nuran David Calis' "Cafe Europa" zeigte, dass die neue Nebenspielstätte für Autorenabende gut funktionieren kann, wenn der Rahmen richtig gewählt wird. Die Sitze (und Sofas) im Lesungsbereich bei der Bar waren jedenfalls gut gefüllt. Viel mehr Menschen als die geschätzten 65 Anwesenden hätten dort nicht Platz gehabt, und der kurzweiligen Lesung von Claudia Sabitzer, Katharina Straßer und Karsten Dahlem wurde viel Wohlwollen gespendet. Den an diesem Abend leeren Hundsturm-Theaterraum selbst zu füllen, ist allerdings eine ganz andere Aufgabe.

Fazit des dreitägigen Reality-Checks: Von Besuchern gestürmt wird das Volkstheater derzeit wohl tatsächlich nicht, aber einem Vergleich mit Stimmung und Zuschaueraufkommen vieler Vorstellungen der vergangenen Direktion hielt das Haus an diesen Tagen locker stand. Womit allerdings über die künstlerische Qualität des Gebotenen noch nichts gesagt ist. (APA)

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