"Working poor" machen sich bemerkbar

28. März 2006, 11:39
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In Europa leben Millionen trotz eines Jobs unter der Armutsgrenze - Proteste in Frankreich von neuem sozialen Phänomen getragen

Paris - Das Phänomen der "working poor" (berufstätigen Armen) versetzt die FranzösInnen zunehmend in Schrecken und erklärt teilweise, weshalb die öffentliche Meinung so breit hinter der Protestbewegung gegen den neuen Erstanstellungsvertrag CPE steht, der eine partielle Abschaffung des Kündigungsschutzes vorsieht. Der in den 1970er Jahren in den USA entstandene Begriff der "working poor" bezeichnet Menschen, die zwar einen Job haben, sich und ihre Familie mit dem Lohn aber nicht über der Armutsgrenze halten können. In Frankreich begann dieses Phänomen Ende der 1990er Fuß zu fassen, vor allem bei allein stehenden Frauen und Jugendlichen.

Steigende Tendenz

Laut einem Bericht des französischen Armutsbeobachtungsinstituts für die Zeitspanne 2005/06 befindet sich die Anzahl der "working poor" in einer steigenden Tendenz. Typisches Beispiel für das Phänomen ist in Frankreich nach den Angaben eine allein stehende Mutter, die als Teilzeitkassiererin in einem Supermarkt arbeitet. Laut Studie zählt Frankreich eine Million "working poor", wenn man als Maßstab für die Armut einen Lohn verwendet, der unter der Hälfte des französischen Medianlohns liegt und somit 645 Euro pro Monat für eine allein stehende Person beträgt. Die Zahl steigt auf zwei Millionen, wenn man den EU-Maßstab von 60 Prozent des Medianlohns (774 Euro) anwendet.

Laut Studie lebt in Frankreich fast jede/r zweite als arm Geltende (47 Prozent) in einer Familie, in der mindestens eine Erwachsene/r erwerbstätig ist. In den USA beträgt der Anteil sogar 80 Prozent, betonte Marco Mira d'Ecole, Ko-Autor eines Armutsberichts in den OECD-Ländern in Bezug auf das Jahr 2005.

Armutsanteil unter EU-Durchschnitt

Frankreich zählt 3,7 Millionen als arm Geltende nach dem französischen Armutsmaßstab und 7 Millionen nach dem EU-Maßstab. Im EU-Vergleich beträgt der Armutsanteil demnach 7 Prozent der Bevölkerung gegen 10,7 Prozent im europäischen Durchschnitt. Der Anteil liegt in Großbritannien auf 11 Prozent, in Portugal auf 13,7 Prozent und in den USA auf 17 Prozent.

Martin Hirsh von der Wohltätigkeitsvereinigung Emmaus-France wies allerdings darauf hin, dass Länder wie Großbritannien und die USA die Wahl getroffen haben, Arme anstatt Arbeitslose zu haben, während in Frankreich mit einer Arbeitslosenrate von 9,6 Prozent beide vorhanden sind. "Früher hatte man in Frankreich Angst vor der Arbeitslosigkeit, und dachte, ein Job sei die Lösung. Heute hat man vor der Armut Angst, auch wenn man arbeitet", so Hirsh.

"Das ist eine Basisangst, die sich durch die ganze Gesellschaft zieht, aber bei der ärmeren Vorstadtbevölkerung noch stärker ist", analysierte Nicole Maestracci, Präsidentin des Nationalen Verbandes der Vereinigungen zur sozialen Wiedereingliederung (FNARS). "Diese Phobie zeigte sich bereits in den Vorstadtkrawallen vom vergangenen November, und sie kommt auch dadurch zu Tage, dass der CPE-Vertrag von den Jugendlichen Contrat Précarité Exclusion (Vertrag der Labilität und des Ausschlusses) bezeichnet wird", so Maestracci.

Die Jugendarbeitslosigkeit erreicht in Frankreich bei BürgerInnen unter 25 Jahren 23 Prozent, was eine der höchsten Raten in ganz Europa ist. "Die Frage ist, ob die Abschwächung des Kündigungsschutzes zu Karriereperspektiven für die Jugendlichen führt, oder ob sie sich in ein lebenslanges Ghetto verwandeln wird", analysierte Mira d'Ercole.

Immer mehr Berufstätige obdachlos

Denn mit einem unsicheren Arbeitsplatz gehen in Frankreich eine Reihe weiterer Probleme einher. So sind etwa immer mehr berufstätige Personen obdachlos, da die Wohnungseigentümer mit ihnen wegen des geringen Einkommens keinen Mietvertrag abschließen wollen. Vier bis fünf Millionen Personen wurden wegen Überschuldung vom Bankensystem ausgeschlossen. "Ohne fixe Adresse und ohne Bankkonto gerät man aber in einen Teufelskreis, denn niemand stellt so eine Person an", hieß es in einem jüngsten Bericht des Sozialforschungsinstituts Ires. (APA)

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    StudentInnen-Proteste in Frankreich
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