Verstörend, stimmig, witzig

26. März 2006, 20:49
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Übermorgen war vorgestern: Das Volkstheater zeigt im benachbarten Bellaria Kino eine geglückte Umsetzung von Hugo Bettauers "Die Stadt ohne Juden"

Wien - Die Juden sollen raus aus Wien, der echte Österreicher soll eine Chance haben, aus eigener Kraft die wirtschaftliche Misere zu beenden. Das christlichsozial dominierte Parlament schließt einen entsprechenden Beschluss ab, alle Juden und Kinder von Juden müssen Österreich verlassen. Ohne sie aber schlittert das Land immer tiefer in die Krise - und bald werden Stimmen laut, sie wieder zurückzuholen.

Hugo Bettauers 1922 erschienener Roman Die Stadt ohne Juden (Untertitel: Ein Roman von übermorgen) macht es dem Rezipienten nicht leicht. Schon aufgrund seiner kolportagehaften Schnoddrigkeit ist der massiv von realen Bezügen auf die damalige Politik durchsetzte Text eine problematische Angelegenheit.

Wie wenig dem Autor selbst bewusst war, was für eine heikle Thematik er verhandelte, zeigt seine Einschätzung, er hätte da "ein ganz amüsantes Romänchen hingehaut". Drei Jahre später wurde Bettauer von dem Hakenkreuzler Otto Rothstock erschossen. Er gilt als erstes prominentes Opfer des Nationalsozialismus in Österreich, sein Mörder ging kurze Zeit später frei.

Für eine heutige Realisierung der Stadt ohne Juden am Theater ergibt sich eine zusätzliche Hürde: Wie mit dem umgehen, was inzwischen passiert ist? Bettauer als Visionär lesen, der die Zeichen der Zeit früh erkannte? Als Kritiker an eines katholischen Österreichs, das für provinziellen Mief steht? Oder gar als einen, der Juden derart stereotyp zeichnete, dass sich auch deren Hasser auf ihn beriefen?

Martin Oelbermanns Volkstheater-Inszenierung des von Helmut Peschina eingerichteten Texts im Bellaria Kino macht ein bisschen von allem, bemüht sich dabei aber, nicht zu sehr mit dem Wissen von heute an die Vorlage heranzugehen. Die Schreie "Hinaus mit den Juden", mit denen das Stück anhebt, sorgen natürlich für eine beklemmende Atmosphäre, ein diffuses Betroffenheitsgefühl wird an diesem Abend zum Glück jedoch nie bedient.

Starkes Ensemble

Das durchwegs starke Ensemble (Beatrice Frey, Annette Isabella Holzmann, Thomas Bauer, Any Hallwaxx, Christoph F. Krutzler, Jako Seeböck) leistet Schwerarbeit. Es muss laut spielen, schnell, permanent die Rollen wechseln, nebenbei erzählerische Überleitungen liefern und das Publikum als Platzanweiser aus dem bühnentechnisch zu schmal dimensionierten Kinosaal ins ebenfalls bespielte Foyer führen.

Nur ab und zu gleitet der volksstückhafte Anstrich, den die Schauspieler Bettauers schablonenhaften Österreicherfiguren geben, ins Platte ab. Wenn ausgerechnet die männlichen Darsteller die süßen Mädeln spielen, die sich von spendablen Verehrern aushalten lassen, ist das kein besonders origineller Einfall, sondern vom Schlage des Tunten-Klamauks in Bully-Herbig-Filmen. Fairerweise: Eine viel behutsamere Inszenierung verdient der Text an diesen Stellen auch nicht.

Diese Stadt ohne Juden versucht nicht, aus der politischen Sprengkraft des Stoffes Kleingeld zu schlagen. Es ist mindestens ebenso sehr ein Stück über Bettauers Roman und die Probleme, ihn zu lesen, wie über Judenfeindlichkeit. Ein dichter Theaterabend, der eine enorme Textmenge in 90 verstörende, aber auch witzige, auf stimmige Weise unstimmige Minuten packt. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.3.2006)

Von Sebastian Fasthuber

Volkstheater im Bellaria Kino
7., Museumstraße 3
01/521 11-0
Weitere Termine:
30. 3., 4., 8. und 19. 4., 20 Uhr
  • Das "Stadt ohne Juden"-Ensemble im Bellaria Kino (v. li.): Thomas Bauer, Annette I. Holzmann, Andy Hallwaxx, Jakob Seeböck, Christoph F. Krutzler, Beatrice Frey.
    foto: volkstheater/ brandenstein

    Das "Stadt ohne Juden"-Ensemble im Bellaria Kino (v. li.): Thomas Bauer, Annette I. Holzmann, Andy Hallwaxx, Jakob Seeböck, Christoph F. Krutzler, Beatrice Frey.

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