Machtspiele als Clownerie

26. März 2006, 20:34
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Karl Welunschek inszenierte in Graz mit der African Community Jean Genets "Les Nègres"

Graz - "Die uns ursprünglich schon voneinander trennende Distanz vergrößern wir durch unser Selbstbewusstsein, und unser Benehmen durch unsere Frechheit - denn wir sind auch Komödianten", begrüßt Archibald aus Jean Genets Les Nègres das Publikum.

Das Stück, das Genet im Untertitel als Clownerie schilderte, ist ein Fall von Theater im Theater: Ein Ritualmord an einer weißen Frau soll in aller von "den Wilden" erwarteten Brutalität vorgespielt werden. Neben dem tatsächlichen Publikum gibt es auch eines auf der Bühne: Eine weiße Königin und ihr Hofstaat sehen dem Spektakel von oben herab zu und werden am Ende standrechtlich in die Hölle geschickt.

Doch zuvor scheitern die schwarzen Schauspieler in ihren Rollen als kannibalische Kampfmaschinen. Die genaue Ausführung des Rituals wird erörtert, Emotionen der Beteiligten diskutiert. Soviel zum Plot. Auf der Studiobühne der Grazer Oper scheiterte in der Inszenierung von Karl Welunschek niemand.

Für den 1959 in Paris uraufgeführten Einakter, der eigentlich ein Auftragswerk für einen Regisseur war, der ein Stück für ein ausschließlich "schwarzes Ensemble" von Genet orderte, engagierte Welunschek teilweise Mitglieder der African Community von Graz. Sie spielen das Stück über Rassismus, Machtspiele und Pauschalurteile mit großer Überzeugungskraft und Rasanz. Wie im Original verlangt, werden auch die Weißen von Schwarzen - mit weißen Masken - gespielt.

Durch den Einsatz semi-professioneller, aber äußerst professionell agierender Darsteller entstand eine weitere Ebene im Spiel über Fiktion und Realität: Man spielt Leben. Oder: "Der Vorhang ist aufgezogen. Nicht hochgezogen: aufgezogen", wie es Genet in einer Anweisung zu Beginn von Die Neger formuliert.

Während sich die mit der Inszenierung des Menschenopfers herumschlagenden Protagonisten entscheiden, ihre Sprache zu "verlängern", zu verkomplizieren, damit sie sich in ihr verstecken können, spielt man in der Inszenierung Welunscheks auf Französisch, Englisch und etwas Deutsch, mit deutschen Laufschriften, die die Eckpunkte der Handlung zusätzlich markieren.

Das Ensemble spielt über die drei Sprachen hinweg einen mitunter nicht gerade einfachen Text mit Leichtigkeit. Klar und witzig wirft man sich Genets Sätze zu - allen voran Ike Nkwocha als Archibald und Benjamin Itene als Village. Die prächtigen Kostüme (Bühne und Ausstattung: Gerhard Fresacher) spielen mit dem clownesken Element. So wurde etwa der Gouverneur des Hofstaats in eine Sergeant-Pepper-Uniform gepackt und der Königin als Zepter ein Staubwedel verabreicht.

Nach dem Auftakt in Graz, wo das Stück noch bis 1. April gezeigt wird, geht das eigens zusammengestellte Ensemble, das sich "Arge Les Nègres" nennt, auf Europatournee. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.3.2006)

Von Colette M. Schmidt

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"Les Nègres"
  • Artikelbild
    foto: lesnegres.com
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