Der Weckruf der Verarmten

29. März 2006, 12:09
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Im Wahlkampf-Endspurt haben sich die Themen gedreht: Der Umgang mit der Hamas ist wichtig, doch noch wichtiger sind Maßnahmen gegen die Armut

"Die Frage, wer diese Wahlen gewinnt, ist bereits entschieden", verkündete Ehud Olmert schon vor einer Woche, aber für den Interimspremier und Kadima-Chef geht es noch um die Höhe seines Sieges.

Je näher Olmert dem Traumziel von 40 Mandaten kommt, desto weniger wird er sich mit kleinen rechtslastigen Koalitionspartnern herumraufen müssen und desto leichter wird ihm die "Sammlung" der jüdischen Siedlungen fallen, die das Herzstück seines Programms ist.

Olmerts demonstrative Gelassenheit kontrastiert mit dem Wahlkampfeifer von Amir Peretz, der noch die ganze letzte Woche lang im Autobus das Land durchkreuzte, um auch noch in der entlegensten Beduinensiedlung seine Botschaft von der "sozialen Wende" ins Mikrofon zu schreien - was der als turbulenter Streikführer bekannt gewordene neue Boss der Arbeiterpartei nun kurz vor der Entscheidung mit lästiger Heiserkeit und deutlichen Zeichen von Erschöpfung bezahlen muss.

Auf der anderen Seite zeigt Benjamin Netanyahu, dessen rechtskonservativer Likud nicht von der kümmerlichen 15-Mandate-Marke abheben will, Anflüge von Panik: "Bibi" gibt sich nun weniger "stark gegen die Hamas", wie der Slogan auf den Likud-Plakaten lautet, und mehr demütig gegenüber den Armen - in den jüngsten Fernsehspots bittet er mit treuherzigem Blick jene um Nachsicht, die "vielleicht böse auf mich sind", weil er sie als Finanzminister mit seinem Sparprogramm ins wirtschaftliche Elend manövriert hat.

Symbolfigur Sharon

Übereinstimmend prophezeien die Meinungsforscher, dass die von Ariel Sharon erst im November aus dem Boden gestampfte Zentrumspartei Kadima nach den Wahlen am Dienstag rund doppelt so stark wie die Arbeiterpartei und fast dreimal so stark wie der Likud sein wird - und das, obwohl "die Sharon-Partei" im anlaufenden Wahlkampf ihre Symbolfigur durch einen Gehirnschlag verloren hat.

Doch weil das politische Terrain völlig umgegraben wurde, muss man den Umfragen diesmal mit besonderer Vorsicht begegnen. Die Kadima ist ein unbekannter Faktor, der das klassische Links-Rechts-Schema zerschlagen und Politiker und Wähler in Wirbelbewegungen versetzt hat. Wer hätte etwa geglaubt, dass Shimon Peres, die verträumte alte Friedenstaube, und Zachi Hanegbi, der raue Jungfalke vom rechten Likud-Flügel, jemals Seite an Seite wahlkämpfen würden?

Zudem hat die Arbeiterpartei, von jeher eine Festung des europäisch-stämmigen Establishments, plötzlich in Peretz einen in Marokko geborenen, in proletarischen Verhältnissen aufgewachsenen Spitzenkandidaten, der mit seinem Engagement für Mindestlohnbezieher und allein erziehende Mütter traditionelle Wählerreservoirs des Likud anbohrt. "Wir dürfen sicher das Problem mit den Palästinensern und der Hamas nicht vernachlässigen", sagt die 23-jährige Galia Ras, die für die Arbeiterpartei in Tel Aviv Spruchbänder anbindet, "aber wir haben heute eine sehr schwere Lage im Land - mit eineinhalb Millionen Menschen unter der Armutsgrenze, Menschen, die sich keine Medikamente leisten können, die keine Pension bekommen".

Die Prioritäten in Israel scheinen sich jedenfalls einer Umfrage zufolge verschoben zu haben: 33 Prozent sehen den Kampf gegen die Armut als wichtigste Aufgabe, nur 28 Prozent den Kampf gegen die Hamas. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.3.2006)

Von Ben Segenreich aus Tel Aviv
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    Soziale Frage im Aufwind: Arbeiterparteichef Peretz (li.).

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    "Sammler" von Siedlungen, Jungfalken und alten Friedenstauben: Israels Interimspremier Olmert ist siegessicher.

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    Netanyahu hofft auf Vergebung für seine Zeit als Finanzminister.

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