Nowotny: "Weg von exotischen Geschäften"

27. März 2006, 16:34
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Bawag-Chef stellt seinerzeitige Insolvenzgefährdung in Abrede - Weitere Schadenersatzansprüche in Prüfung

Wien - Der Chef der im Jahr 2000 mit knapp einer Milliarde Euro Verlust aus Spekulationsgeschäften konfrontierten Gewerkschaftsbank BAWAG P.S.K., Ewald Nowotny, will rasch die Vergangenheit aufarbeiten und dann wieder den Blick nach vorn richten können. Mit jedem einzelnen der für die damaligen Geschäfte Verantwortlichen, die noch in Ämtern sind, werde er Einzelgespräche führen und dies danach auch mit dem jetzigen oder künftigen Aufsichtsratschef der Bank erörtern. Er wolle den Blick in die Zukunft richten, denn die Bank sei ihm "sauber" übergeben worden, sagte Nowotny am Samstag im Ö1-"Mittagsjournal" des ORF-Radio.

Man wolle "weg von exotischen Geschäften hin zu Geschäften, wo wir das Risiko genau abschätzen". Selbstverständlich werde man bei der Aufarbeitung der Vergangenheit auch alle rechtlichen Aspekte untersuchen in Bezug auf Personen, die mit den damaligen Geschäften zu tun gehabt haben, so Nowotny.

Sein Vorvorgänger als Bawag-Chef Helmut Elsner, in dessen Ära die erst diese Woche in ihrer gesamten Dimension bekannt gewordenen Karibikgeschäfte gefallen sind, werde in dessen Funktion bei den Österreichischen Lotterien keinesfalls verlängert, sondern wenn möglich sogar vorzeitig ausscheiden. In Bezug auf Wolfgang Flöttl jun. - den Sohn von Elsner-Vorgänger Walter Flöttl, über dessen Firmen ein großer Teil der Karibik-Deals gelaufen sind - werde man weitere Schadenersatzansprüche prüfen, "das gehen wir konsequent durch".

Nowotny: "Keine Leichen mehr im Keller"

Das nun bekannte riesige Ausmaß des Schadens aus den hochriskanten Karibik-Geschäften im Jahr 2000 sei für ihn bei seinem Eintritt in die BAWAG P.S.K als neuer Generaldirektor zunächst "nicht sichtbar" gewesen, auch "für andere nicht", sagte Ewald Nowotny am Samstag im Ö1-"Mittagsjournal" des ORF-Radio weiter. Aus den früheren Bilanzen sei dies nicht ersichtlich gewesen, da die Werthaltigkeit der Kredite durch Garantien gegeben gewesen sei.

Dennoch könne er jetzt für die Vergangenheit nach bestem Wissen und Gewissen sagen "hier ist nichts", meinte Nowotny auf die Frage, ob es allenfalls noch "Leichen im Keller" geben könnte. Es sei ein eigenes Team eingesetzt, das den gesamten Komplex analysiere.

Bei den kritisierten Geschäften der Vergangenheit müsse man jedoch die Dinge unterscheiden. Der Kredit an Refco sei ein Betrugsfall gewesen, "hier ist die BAWAG Opfer". Da hoffe man, zumindest einen Teil wieder zurückzubekommen. Man habe in der Bilanz aber schon alles wertberichtigt. Zweitens gehe es um die Karibik-Geschäft, also "fehlgeschlagene Investitionen" von Gesellschaften von Flöttl jun., bei denen die BAWAG Financier war. Und drittens die so genannten "Pipe"-Geschäfte, deren Rückführung der Vorstand bereits unter seiner Leitung im Jänner 2006 beschlossen habe.

Dass die BAWAG wegen der hohen Verluste im Jahr 2000 insolvenzgefährdet gewesen wäre, stellte Nowotny im Radio-Interview in Abrede - obwohl Aufsichtsratschef Günter Weninger am Freitag erklärt hatte, dass ohne die ÖGB-Garantie die Bilanzierung der Bank damals gefährdet gewesen wäre.

"Ein Missverständnis"

Das, so Nowotny am Samstag, sei "leider ein Missverständnis". Richtig sei, dass die Werthaltigkeit von Krediten durch Garantien gesichert habe werden können, und die Kapitalbasis der BAWAG damit gestärkt worden sei. ÖGB-Finanzchef Weninger hatte am Freitag gemeint, der Schaden wäre im Falle einer Insolvenz der Bank größer gewesen als die durch den ÖGB abgegebene Garantie. Es hätte nämlich die Gefahr eines Kundengelderabflusses, des Verlusts von Jobs in der Bank und letztlich ein Vermögensverlust für den BAWAG-Eigentümer ÖGB gedroht, so Weninger.

"Historische Dinge"

BAWAG-Chef Nowotny räumte im Radio ein, dass sich der Kauf der Postsparkasse positiv auf die Gesamtfinanzierungsbasis ausgewirkt habe, denn innerhalb der P.S.K. habe es "natürlich auch stille Reserven" gegeben. Der gesamte Nettoschaden für die BAWAG aus den Karibik-Geschäften bis zum Jahr 2000 in Höhe von etwas unter einer Milliarde Euro sei über fünf Jahre abgearbeitet worden, dafür seien die künftigen Gewinne der BAWAG und natürlich auch Reserven herangezogen worden.

Heute habe die BAWAG "kein Problem" mehr, "das sind historische Dinge". Insofern sei auch die ihm bei Antritt seiner Generaldirektor-Funktion gemachte Zusage richtig gewesen, dass er "eine saubere BAWAG" übernehme, sagte Nowotny auf die Frage, ob er irgendjemandem "böse" sei. Die Bank zählt im Konzern 6.000 Beschäftigte und hat rund 1,3 Mio. Privatkunden.(APA)

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