Die Geschichte einer unerklärlichen Liebe

31. März 2006, 12:48
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Eine Doppelbiografie über das amerikanische Dichterpaar Jane und Paul Bowles

Es wäre reizvoll, einmal eine Geschichte der Literatur des 20. Jahrhunderts zu verfassen, in der Autoren in zwei Gruppen unterteilt würden: in die, die unauffällige Existenzen führten und hinter ihr Werk zurücktraten, und in jene, deren aufregendes, abenteuerliches, nomadisches, exzentrisches, gierig gelebtes und oft genug verzweifelt weggeworfenes Leben sich vor ihre Bücher schob. Letzteres hat jüngst ja auch Hollywood als Filmthema entdeckt. Noch vor wenigen Jahren wäre ein Biopic wie Capote, ein Film über einen feisten, schwulen, drogensüchtigen, komplexen Autor, für den sich mit der neuen deutschen Werkausgabe im Kein & Aber Verlag eine kleine Renaissance abzuzeichnen scheint, undenkbar gewesen. Ein Jahr, nachdem Kaltblütig erschienen war, im Jahr 1966, schrieb ebenjener Truman Capote eine schwärmerische Einführung für eine einbändige Werkausgabe einer mit ihm befreundeten Autorin, um dieser nach Jahren des Verstummens zu einer kleinen Renaissance zu verhelfen. Ihr Name: Jane Bowles.

Selbst innerhalb der Gruppe ungewöhnlicher Autoren würden sie und ihr Mann Paul Bowles (1910-1999) einen Sonderrang einnehmen. Denn wo gab es schon ein Schriftstellerpaar, das so unvereinbar erschien und doch einen 35 Jahre währenden Bund einging, der bis zu Janes Tod im Mai 1973 hielt, das sich gegenseitig stützte und symbiotisch ergänzte, zwei Verschworene, die an einem so exotischen Ort wie Tanger lebten und Prominente, Freunde wie Neugierige in Scharen anzogen. Denn gegensätzlicher hätten die beiden nicht sein können. Nicht nur vom Temperament her - hier die vor Esprit und Wortwitz übersprudelnde, selbstzerstörerische Jane, die gerne im Mittelpunkt stand, die Nacht zum Tage machte, Gesellschaften genoss, die sie mit irrwischartigen Einfällen und elektrisierender Konversation stundenlang unterhielt; dort der zurückhaltende, wortkarge Paul, der die Position des detachierten, stets makellos gekleideten, randständigen Beobachters perfektionierte, Komponist, produktiver Romancier, Asket, Weltreisender, streng disziplinierter Arbeiter und Talentförderer. Noch Entscheidenderes trennte sie: Jane war lesbisch und kultivierte ihre Promiskuität, Paul Bowles dagegen war verhalten homosexuell und, was Sexualität anging, generell dezent bis zur Intransigenz.

Der Musikhistoriker und Literaturwissenschafter Jens Rosteck widmet ihnen nun eine umfassende Doppelbiografie und zeichnet detailliert ihren farbigen Lebensweg nach, der sie 1947 nach Marokko führte. "Wie jeder Romantiker", so Paul Bowles, "hatte ich stets vermutet, dass ich eines Tages an einen magischen Ort kommen würde, der mir durch die Offenbarung seiner Geheimnisse Weisheit und Ekstase schenken würde, vielleicht sogar den Tod. Und jetzt, als ich im Wind stand und die Berge vor mir betrachtete, spürte ich das Summen eines Motors in meinem Inneren, und es war, als näherte ich mich der Lösung eines bisher nicht geahnten Problems. Ich war unbeschreiblich glücklich, während ich zusah, wie die Masse der Berge langsam Gestalt annahm, doch ich ließ dieses Glück über mich hereinbrechen, ohne Fragen zu stellen." Für ihn Glück, führte es bei Jane Bowles nach glänzendem literarischem Debüt zum Verstummen. Gepeinigt von Depressionen und emotionalen Abhängigkeiten, erlitt sie mit 40 einen Hirnschlag, der sie die letzten 16 Lebensjahre dahinvegetieren ließ.

Nicht zuletzt ist sein Porträt auch ein mitreißendes Plädoyer, beider Bücher von Neuem zu entdecken, die auf Deutsch fast sämtlich lieferbar sind. Doch bleibt dies zwiespältig. Paul Bowles' Romane und Erzählungen sind zwar innerhalb der Library of America erschienen, somit in den Rang moderner Klassiker erhoben, was Rosteck merkwürdigerweise nicht wahrgenommen zu haben scheint. Und doch muten sie leicht antiquiert an. Jane Bowles' Prosa, vor allem ihr Roman Zwei ernste Damen, bezirzt dagegen noch heute. Überaus eloquent, überschreitet Rosteck hie und da, von eigener Formulierungslust mitgerissen, die Grenze, die eine seriöse Biografie von einer schwungvollen, impressionistisch-subjektiven Reportage trennt. Er weist Zitate auf eine merkwürdige Art nach. Lediglich rudimentäre Angaben findet man, die im Grunde überflüssig, weil unauffindbar sind. So dass man nie ganz sicher sein kann, wem sich Rostecks wortreiche Einschätzungen, Beschreibungen und Charakterisierungen tatsächlich verdanken - eigener Forschung und Urteilsbildung? Oder vielleicht doch eher der Meinung paraphrasierter Zeitzeugen? Erst recht ärgerlich, ja gänzlich unverständlich ist aber, dass vorsätzlich auf ein Namensregister verzichtet wurde, was angesichts der schier unüberschaubaren Fülle der erwähnten und porträtierten Auf- und Abtretenden, der VIPs und der Verschollenen geradezu fahrlässig erscheint. Denn so schrumpft diese engagierte, spannende Biografie zum süffigen Lesebuch, mit dem zu arbeiten fast unmöglich wird, und reduziert sich selbst auf die pittoreske Schilderung zweier faszinierender Leben, die sich vor das literarische Werk schoben. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.3.2006)

Von Alexander Kluy

  • Jens Rosteck: "Jane und Paul Bowles. Leben ohne anzuhalten. Eine Doppelbiographie". € 25,60/670 Seiten. Goldmann, München 2006
    buchcover: goldmann

    Jens Rosteck:
    "Jane und Paul Bowles. Leben ohne anzuhalten.
    Eine Doppelbiographie". € 25,60/670 Seiten. Goldmann, München 2006

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