Auf die Großmama gekommen

31. März 2006, 12:48
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Irene Disches Familienroman als Formelkabinett: "Großmama packt aus"

Der Familienroman hat wieder Saison. Sofern er sich nicht den Genreklischees verschreibt, vermag er Entwicklungen des Öffentlichen wie des Privaten in einen vielschichtigen, spannenden Bezug zu setzen und kunstvoll ein ganzes Figurenkabinett durch die Geschichte zu führen, die so in einem literarischen Brennspiegel schillert. Das verlangt einen Ton, der eben nicht allein jenen üblicher Familiengeschichterln übernimmt, und die Möglichkeiten sowohl einer Nähe als auch einer Distanz der Schilderung. Am ehesten bietet sich dafür die Draufsicht eines ordnenden, sich selbst zurückhaltenden Erzählers oder auch ein recht eigentümlicher Blickwinkel eines Beobachters an.

In ihrem in Deutschland viel gelobten Roman Großmama packt aus setzt die USA-Bürgerin mit deutschen Wurzeln Irene Dische die Perspektive in den Titel, der eher ein Kinderbuch verspricht. Diese Großmama bezeichnet sich als "intelligente, auf sich selbst gestellte Frau" und lobt ihre "ausgezeichnete Beobachtungsgabe". Dem entspricht ihre Ausdrucksweise keineswegs, sondern eine arrogante Großbürgerin erörtert im plakativen Ton mündlicher Überlieferung, jedoch ausdrücklich als schriftliche "Beichte" deklariert, ihren naiven Formelfundus und ein leider nicht ungewöhnliches Familienschicksal.

Eine deutsche Katholikin aus (wie sie betont:) besserem Hause, voller Dünkel, heiratet in den 1920er-Jahren einen jüdischen Arzt, der konvertiert und ihr eine Tochter macht. Ab 1935 wird die Lage weniger bequem, bald richtig unangenehm. Der Mann schafft die Flucht nach New York, wo er nicht der angesehene Professor ist, sondern eine kleine Misere kennen lernt. Frau und Kind können schließlich nachreisen: "Unser erstes Jahr in Amerika war schnell vorbei, und dann gleich das nächste." Wie eben die Zeit vergeht. Die Welt liegt im Krieg, die Familie des Doktors kommt in einem Nebensatz um, die Tochter ist störrisch und heiratet zu ihrer Mutter Leidwesen einen jüdischen Wissenschafter. Man bringt es wieder zu was, es gehört gesagt: "Hinter dem Haus lag ein kleiner Rasen, also sparten wir und kauften einen Rasenmäher, und ich lernte, wie man ihn bediente. Wir sparten und dann gaben wir das Geld aus. Wir kauften eine schöne zusammenklappbare Gartenliege aus Aluminium, mit dunkelgrünen Gummikissen. Ich stellte eine Haushaltshilfe ein, eine ältere Farbige." Man kommt zu etwas Vermögen und ordentlichem Übergewicht, ganz selbstverständlich auch wieder zur alten, treuen deutschen Dienstbotin. Glücklicherweise sind die Tochter wie auch die Enkelin namens Irene Dische aufsässig, sodass sich was erzählen lässt. Diese Irene gibt im zweiten Teil des Romans von Irene Dische mit ihren Hippie-Abenteuern die Hauptrolle und der Autorin die Gelegenheit zu einer langen über die Familienbande gespielten Selbstdarstellung, die die Oma auspacken darf.

Die Verlagsankündigung, diese Großmama habe von der Autorin eine "ganz eigene Stimme" erhalten, grenzt an Irreführung durch Reklame. Von eigener Stimme keine Rede. Auch nicht dadurch, dass die Erzählerin - wie sich schließlich herausstellt - vom Jenseits her spricht. Tatsächlich steckt die Figurenrede in einer Wolke der Phrasenhaftigkeit, die weder ironisiert noch gebrochen oder reflektiert wird. Es geht auch sprachlich um äußere Formen. Die Naivität der Schilderung steht in einem gewöhnlichen Duktus einer großbürgerlichen Halbbildung: "Zwangsarbeit wurde nicht besonders gut bezahlt", berichtet die Großmama vom Naziregime; man hätte auch nach Brasilien flüchten können, "Spanisch wäre einfacher zu schreiben gewesen"; nichts, ja: "nichts" sei "empörender als Müßiggang in der Arbeiterklasse". Aus dem starken Selbstbewusstsein dringen platte Überbetonungen des Eigenen, eine Weltsicht aus dem Schwatzkästlein der Klischeefreundin: "Geld macht natürlich nicht glücklich, auf Geld kommt es im Grunde nicht an, es ist nur praktisch. Das Glück kommt und geht. Und am wertvollsten sind Wünsche, solange sie unerfüllt sind." Gegen die Langeweile bemüht sich Irene Dische simpel um Spannung, indem sie Vorausdeutungen anhäuft, "dazu später mehr", "darauf komme ich noch". Nicht weniger ungeschickt muten viele Erklärungen, Vergleiche, Beschreibungen an: "Sie nahm ein Stethoskop und versohlte ihrer ungezogenen Tochter damit den Hintern, bis es blutete." Das blutende Stethoskop haben wohl Übersetzer und Lektorat zu verantworten; vielleicht klingt Dische im amerikanischen Original nicht so ungelenk und bieder?

Die Fassade bleibt Fassade, die Formeln bleiben Formeln. Was ein Familienroman bieten könnte, nämlich tief greifende Beziehungen von privaten Spuren und öffentlichen Zuständen, das leistet Großmama packt aus in keiner Weise. Hier regiert das halblustig-halbtragisch Anekdotische, als sei die Familienwelt ein putziger Witz und die Welt nur eine Oberfläche. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.3.2006)

Von Klaus Zeyringer

Irene Dische:
"Großmama packt aus"
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser. € 23,70/365 Seiten. Hoffmann und Campe, Hamburg 2006.
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