Etwas Besseres als den Tod findest du überall

25. März 2006, 14:00
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Paul Austers neuer Roman über Gescheiterte feiert das Leben: "Die Brooklyn-Revue"

Wer in der schönen Literatur einen stilvollen Tod vor Augen hat, der begibt sich nach Venedig: Von Thomas Mann bis Louis Begley funktioniert das Rezept nekrophiler Vergoldung. Bei Paul Auster muss es natürlich Brooklyn sein: gewöhnlich, bunt und kommunikativ.

Der Held seines jüngsten Romans heißt Nathan Glass, er hat Lungenkrebs, wenn auch in Remission begriffen, und sucht "einen ruhigen Ort zum Sterben". Bald stellt sich heraus, dass Brooklyn dieser Ort nicht ist und dass der Tod es mit dem Lebensmüden gar nicht so eilig hat; nach und nach erfasst ihn der Genius Loci Anteil nehmender Menschlichkeit und verstrickt ihn neu ins Leben.

Anders als Austers Helden sonst ist Nathan Glass kein Schriftsteller - oder eigentlich doch: Mit Ende fünfzig als Angestellter einer Lebensversicherung frühpensioniert, frisch geschieden und Vater einer kratzbürstigen, erwachsenen Tochter, die noch nie in ihrem Leben "eine originelle Bemerkung von sich gegeben" hat, beschließt er, sich die Zeit mit einem Projekt zu vertreiben, das er "The Book of Human Folly" nennt, ein Kompendium der menschlichen Torheiten und Blamagen, eigener wie fremder. So steckt im Originaltitel des Romans The Brooklyn Follies nicht nur die Revue, sondern auch die Verrücktheit, die bei Paul Auster zum Salz des Daseins wird. Nathan Glass, der Icherzähler, trifft zufällig seinen Lieblingsneffen Tom Wood wieder, und zwar im Antiquariat des schwulen Harry Brightman, der einmal Harry Dunkel hieß und in dunklen Geschäften reüssierte - Auster hat ein Faible für Namen von Nestroy'scher Redseligkeit.

Weil die Herren einander mögen, tun sie sich zu einem allenfalls leicht liederlichen Kleeblatt zusammen. Nathan nimmt sich vor, den körperlich und geistig aus dem Leim geratenen Neffen wieder halbwegs in Fasson zu bringen. Tom war einmal ein akademischer Hoffnungsträger, man prophezeite ihm eine Zukunft in der ersten Liga, doch er brach seine Dissertation über Herman Melville ab, fuhr Taxi und verdingte sich dann als Gehilfe beim alten Brightman. Zusätzlichen Schwung erhält die Handlung durch das Auftauchen der kleinen Lucy (der Name verrät die Lichtgestalt!), Toms Nichte, die aus rätselhaften Gründen nicht spricht. Ihre Mutter hat es in eine christliche Sekte verschlagen, und auf der Suche nach einem neuen Zuhause stürzen sich Onkel und Neffe mit der neunmalklugen Neunjährigen in ein veritables Roadmovie.

Mit Genuss spürt Auster einmal mehr den Phänomenen von Zufall und Fügung nach, wie sie im Bild der Abzweigung sinnfällig werden: "Hätten wir uns nicht entschieden, den Highway in Brattleboro zu verlassen und immer der Nase nach die Route 30 anzusteuern, hätten viele Ereignisse in diesem Buch niemals stattgefunden." So aber finden sie statt, und der verkrachte Literaturwissenschafter Tom findet eine Frau. Weil der Autor in Wahrheit nichts dem Zufall überlässt, hat er Nathans ehemaligen Arbeitgeber "Mid-Atlantic Accident and Life" genannt. Was hier nach allzu prallem Leben klingt, erzählt der souveräne Plot-Handwerker Auster mit der größten Selbstverständlichkeit, für seine Verhältnisse sogar ziemlich "down to earth". Mit ungebrochen postmoderner Nonchalance erlaubt er sich alles, was ihm gefällt: Da gibt es ein Kapitel ("Ein gemütlicher Abend") in Form einer Theaterszene. Da kommentiert der Erzähler das erotische Heureka seines Neffen so: "Sex ist eine so absonderliche, schlabberige Angelegenheit - wozu sich die Mühe machen, jedes Schlürfen und Stöhnen mit einem Kommentar zu versehen? Auch Tom und Honey haben ein Recht auf Privatleben, und aus diesem Grund endet hier mein Bericht über die Ereignisse der Nacht."

Höchst ausführlich widmet sich die Erzählung dafür der Literatur und Philosophie. Nathan und Tom konferieren über Kafka und Wittgenstein und vergleichen Henry David Thoreau mit Edgar Allen Poe. Auster hat einmal bekannt, die Essays, die er gern schreiben würde, für die ihm aber die Zeit fehlt, seinen Romanfiguren in den Mund zu legen. Erstaunlicherweise beeinträchtigen diese Abschweifungen den Eindruck des organisch Gewachsenen nicht. Die Anekdote vom Grabstein Poes zum Beispiel: Der lag 26 Jahre in einem namenlosen Grab, weil der fertige Stein beim Steinmetz von einem entgleisten Bahnwagon zertrümmert worden war. Oder die Geschichte von Kafkas Puppe, überliefert von seiner letzten Geliebten Dora Diamant: der todkranke Dichter, der in Berlin einem kleinen Mädchen drei Wochen lang Briefe schreibt, um es über den Verlust seiner Puppe hinwegzutrösten - eine wahrlich schöne Verrücktheit.

All das hat im Roman Platz und auch noch ein Coup um ein gefälschtes Manuskript. Eine Revue braucht eben keine Regeln, außer einer: Sie muss unterhalten. Und obwohl Die Brooklyn-Revue das tut, hat das Ganze doch einen gravierenden Makel: Mit dem Tod eines der Protagonisten (es trifft nicht den, dem er zugedacht war) ist der Spannungsbogen der Geschichte am Ende. Wenn der Erzählmotor für das letzte Drittel des Buches neu angeworfen wird, hat sich der Leser innerlich längst verabschiedet.

Austers Botschaft gleicht dem Credo der Bremer Stadtmusikanten: "Etwas Besseres als den Tod findest du überall." So gerät die Feier des Lebens bei aller Ironie auch ein bisschen sentimental. Obgleich am Schluss der strahlende Morgen des 11. September 2001 anbricht, ist Die Brooklyn-Revue ein optimistisches Buch. Sympathisch wird es durch Austers Liebäugeln mit dem kreativen Regelverstoß: Die Gauner, meint Nathan einmal, seien die, die wirklich ans Leben glaubten. Deshalb habe Gott den unehrlichen Jakob gegen den aufrichtig dummen Esau gewinnen lassen: Wer würde ein Volk einem reinen Toren anvertrauen? (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.3.2006)

Von Daniela Strigl
  • Paul Auster: "Die Brooklyn-Revue"Deutsch von Werner Schmitz. € 20,50/351 S. Rowohlt, Reinbek 2006.
    buchcover: rowohlt, reinbek

    Paul Auster:
    "Die Brooklyn-Revue"
    Deutsch von Werner Schmitz. € 20,50/351 S. Rowohlt, Reinbek 2006.

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