Wie kam die Nachwelt an Fam. Mozarts Briefe?

31. März 2006, 20:06
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Ihre Fragen zu W.A.M. - Kurt Palm antwortet

I. Sickinger möchte wissen, wie die vielen Briefe der Familie Mozart an die Nachwelt gelangt sind.

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Als genialer Vermarkter seiner beiden Kinder wusste Leopold Mozart von Anfang an, worauf es im Musik-Business ankam. Um die Attraktivität der Auftritte Wolfgangs und Nannerls entsprechend zu steigern, wandte er in London beispielsweise den "Dagmar-Koller-Trick" an, indem er seine Kinder um einige Jahre jünger machte, als sie tatsächlich waren. So konnte man am
4. Juni 1764 in einer Anzeige im Public Advertiser lesen: "For the Benefit of Miss MOZART of Eleven, and Master MOZART of Seven Years of Age, Prodigies of Nature." In Wirklichkeit waren die "Naturwunder" bereits dreizehn bzw. acht Jahre und vier Monate alt.

Aber selbstverständlich dachte Leopold Mozart auch an die Nachwelt, weshalb er früh begann, jene Briefe und Dokumente zu sammeln, die für eine geplante Biografie seines Sohnes von Bedeutung waren. Mozarts Vater hat diese Biografie zwar nie verfasst, leistete aber wichtige Vorarbeiten. Nur dieser Weitsicht ist es zu verdanken, dass diese aufschlussreiche Korrespondenz heutigen Leserinnen und Lesern zugänglich ist. Wesentlich selektiver im Umgang mit Originaldokumenten war Wolfgangs Frau Constanze, die nicht nur circa 40 Briefe Leopold Mozarts an seinen Sohn vernichtete, sondern auch dafür sorgte, dass kein einziger (!) ihrer Briefe an ihren Mann erhalten blieb. Auch ist es lediglich ihrem Geschäftssinn zu verdanken, dass die ihrer Meinung nach "geschmacklosen" Briefe Mozarts an seine Cousine Maria Anna Thekla, also die "Bäsle"-Briefe, an den Verlag Breitkopf & Härtel verkauft wurden. Wäre es nämlich nach ihrem Sohn Carl Thomas gegangen, hätten diese einzigartigen Dokumente überhaupt vernichtet werden sollen.

Dass Constanzes zweiter Mann, der dänische Legationsrat Nikolaus Nissen, zahlreiche "moralisch bedenkliche" Passagen in Mozarts Briefen schwärzte, kann angesichts eines solchen Umgangs mit Mozarts Erbe nicht mehr wirklich überraschen. Über diese kindische Art der Zensur hätte Mozart vermutlich nur laut gelacht oder ausgerufen: "o du schwanz du, leck mich im arsch." (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.3.2006)

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