Einen Zoll breit Rilke

29. März 2006, 16:06
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Auf einem Rilkeweg, der keiner ist, und in einem "Waldviertel", das außer Granit noch etwas Meer zu bieten hat

Gleich vorweg: Rilke war niemals hier. Es hat dennoch Spaß gemacht, nach einer vermeintlich detaillierten Beschreibung der Bretagne in seinen Gedichten auf den Zöllnerwegen zu wandern. Auf einem Rilkeweg, der keiner ist, und in einem "Waldviertel", das außer Granit noch etwas Meer zu bieten hat.

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Der Weg schlängelt sich durch Pinienwälder, nackter Fels durchbricht immer wieder den kargen Boden, und schräg darunter, manchmal nur wenige, allerdings sehr waghalsige Schritte entfernt: das Meer. Der Kenner denkt sofort an Duino und Rainer Maria Rilke. Aber weit gefehlt. Sehr weit sogar, gut 2000 Kilometer.

Wir sind nämlich in der Bretagne. Angelegt wurde dieser Wanderweg jedoch nicht für Poeten oder Touristen, sondern für professionelle Wanderer, die Zöllner. Schon im 17. Jahrhundert waren in Frankreich unter Wirtschaftsminister Colbert die Importe streng limitiert, am Anfang des 19. unterband Napoleon im Rahmen seiner Blockadepolitik gegenüber England jeglichen Handel. Aber das auch wirklich durchzusetzen war in diesem Winkel Frankreichs schwierig.

Britannische Nachbarn

Die Bretagne, Britannien auf Deutsch, wenn man den Namen unbedingt übersetzen wollte, heißt ja nicht zufällig so. Seit mehr als einem Jahrtausend war man in dem Raum Bretagne-Irland-England miteinander gut vertraut, solid verfeindet, jedenfalls immer in enger Beziehung. Schon Tristan und Isolde fühlten sich hier überall zu Hause. Und da will auf einmal das ferne Paris einen Riegel vorschieben, und das noch dazu, wo ein Großteil der Bevölkerung aus Seefahrern besteht? Umso wachsamer musste das Auge des Gesetzes an dieser Küste folglich sein.

Eine Gesamtlänge von ungefähr 600 Kilometern haben die Pfade (sentiers des douaniers), auf denen die Zöllner täglich patrouillierten. Natürlich ist der Pfad nicht durchgehend, er war ja nicht als moderner Radweg gedacht, 60 Teilstücke sind es, eben dort, wo die Schmuggler am ehesten anlegen konnten. 60 bequeme Spazierwege sind das jetzt, nichts für Knickerbocker-behoste Liebhaber von Gewaltmärschen, sondern für Spaziergänger. Und all diese Wege sind traumhaft schön.

Bei Carantec zum Beispiel, 40 Kilometer östlich von Brest. Das Städtchen befindet sich auf einer Halbinsel an der Mündungsbucht von Morlaix. Dieser Küstenabschnitt kann mit keinen spektakulären Sehenswürdigkeiten aufwarten. Zwar liegen die berühmten Megalithenfelder von Carnac im Tagesausflugsbereich (120 km), die weniger bekannten Steinalleen von Lagatjar sind gerade einmal eine knappe Autostunde entfernt. Die Sehenswürdigkeit ist einfach die Küste selbst. Das Meer, das hier seit Jahrmillionen an den Granitfelsen tost, hat ein Relief gemeißelt mit Zacken und Zähnen, mit unheimlichen Schluchten und herausragenden Türmen, an denen der Zöllnerpfad entlangführt.

Überhaupt der Granit! Die Bretagne ist ein Waldviertel zum Quadrat, noch dazu mit Meerblick. Der Stein prägt nicht nur die Landschaft, sondern auch die Kulturlandschaft. Jahrhundertelang war er das Baumaterial Nummer eins. In grauer Vorzeit wurden damit die Dolmen, später die Kirchen gebaut - und ebenso die Kalvarienberge davor. Diese steinernen Bilderbücher der Leidensgeschichte Christi sind zum Markenzeichen der Region geworden. Schwarzgrau sind auch die alten und viele neue Häuser. Selbst diejenigen, die weiß verputzt sind, haben den grauen Stein als Fensterumrahmung behalten. Ein bisschen grau in grau das Ganze? Keine Spur! Denn in den Gärten davor prangen haushohe Büsche von Hortensien. Im Winter freilich ist die Farbenpracht bescheidener:

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln / Sind diese Blätter trocken, stumpf und rauh, / hinter den Blütendolden, die ein Blau / nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln. (...) / Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen / In einer von den Dolden, und man sieht / Ein rührend Blaues sich vor Grünen freuen.
(R.M.Rilke: "Blaue Hortensie")

Ins Blaue geschrieben

Hatte Rilke vielleicht einen Ausflug in die Bretagne gemacht, als er dieses Gedicht 1906 in Paris verfasste? Sicher ist, dass sich jetzt im April "das Blau verneut", und nicht nur das Blau: Die Riesenbüsche leuchten bald auch in Weiß, Rot oder Rosa.

Das Meer ist mit einer Unzahl von Inseln durchsetzt, oftmals sind es nur bloße Felsbrocken. Vom Pfad im Osten von Carantec ist jedoch der Blick frei auf die "Stierinsel", l'île du Taureau, mit dem Château du Taureau. Es handelt sich aber dabei um kein Schloss, es sieht eher aus wie ein stark geschrumpftes fensterloses Kolosseum. Tatsächlich ist es ein Festungsbau aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts, der die Meereszufahrt nach Morlaix vor den unmittelbar benachbarten Engländern schützen sollte.

Im 17. Jahrhundert gab der Festungsbauingenieur Ludwigs XIV., Sébastien Vauban, dem Bau seine heutige Form. Über 30 Festungsanlagen hat Vauban allein in der Bretagne angelegt. Auf der Westseite blickt man über den Mündungstrichter des Flüsschens Penzé hinüber nach Saint-Paul-de-Léon mit seinen Kirchtürmen. Vom nördlichsten Punkt der Halbinsel von Carantec kann man aber den Spaziergang auch Richtung - ja noch weiter in Richtung Norden - fortsetzen, allerdings nur bei Ebbe und gelangt so auf die Île de Callot.

Die nächste Flut verwischt den Weg im Watt, / und alles wird auf allen Seiten gleich; / die kleine Insel draußen aber hat / die Augen zu; verwirrend kreist der Deich / um ihre Wohner, die in einen Schlaf / geboren werden, drin sie viele Welten / verwechseln, schweigend; denn sie reden selten, / und jeder Satz ist wie ein Epitaph, (...) (Rilke: "Die Insel")

Nein, Rilke hat das Gedicht an der Nordsee geschrieben, die Île Callot hat keinen Deich. Wie selten die "Wohner" der Insel, insgesamt neun Familien, reden, ist schwer zu sagen. Wollen sie mit anderen Leuten sprechen, fahren sie jedenfalls mit dem Auto aufs Festland, bei Ebbe natürlich. Die wenigen Besucher kommen nach einem aufmerksamen Blick auf den Gezeitenplan zu Fuß, schlendern zum steingrauen Kirchlein aus dem 16. Jahrhundert und bekommen vielleicht sogar Lust, ein Gedicht zu schreiben.

Von
Wolfgang Friedrich

Info

Maison de la France Lugeck 1/1/7, 1010 Wien
franceguide.com
info.at@
franceguide.com

0900-25 00 15 (0,68 €/Min.)
ville-carantec.com
  • Château de Taureau in der Bretagne
    foto: tourismusinfo bretagne

    Château de Taureau in der Bretagne

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