Sensationelle Blüten im Verborgenen

25. März 2006, 09:00
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Botanischer Garten Wien: Aussaat und Aufzucht einer der seltensten Pflanzen der Welt

Sensationen sind nicht immer groß und spektakulär - das hat die kugelfruchtige Bencomie gerade bewiesen. Noch nie davon gehört? Das ist keine Bildungslücke, denn Bencomia exstipulata gehört zu den seltensten Pflanzen der Welt. Nur noch rund 300 erwachsene Exemplare gibt es weltweit, und alle sechs Arten sind nur auf Teneriffa und La Palma heimisch.

Ausnahmsweise ist aber nicht der Mensch schuld an der geringen Bencomien-Population, im Gegenteil: Die wenigen bekannten Standorte, zum Beispiel im Teide-Nationalpark, stehen unter Naturschutz, und bei den schweren Waldbränden im Sommer 2001 wurden 20 Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung eingesetzt, mit Wasser und Feuerpatsche bei den Pflänzchen zu bleiben, um die botanische Rarität zu schützen.

Wer oder was ist also schuld an der Situation der Bencomie? Fraßfeinde wie Ziegen und Kaninchen, die auf den Kanaren ursprünglich nicht heimisch waren und vor allem Jungpflanzen fressen - und die Bencomie selbst: Sie verjüngt sich nur sehr schwach, und die seltenen Jungpflanzen kommen oft nicht bis zur Blühreife.

Den Experten des Botanischen Gartens der Universität Wien (HBV) - namentlich Gärtnermeister Franz Tod und seinem Team - ist nach sechs Jahren geduldiger Bemühungen nun das schwierige Experiment gelungen, eine Bencomie aus Samen zu ziehen und in Ex-situ-Kultur bis zur Blüte zu bringen. "Wir hoffen nun, dass sich aus den bestäubten Blüten fertile Samen entwickeln", erklärt Gartenleiter Frank Schumacher.

Beide Wiener Bencomien wurden 1998 ausgesät und haben mittlerweile 80 cm Höhe und rund 1,3 cm Stammdurchmesser erreicht. Mit ihren einfach gefiederten, büschelig gedrängten Blättern an den Triebenden erinnert die Bencomie an einen verholzten Wiesenkopf. "Tatsächlich gehören beide Gattungen zu den Rosengewächsen und sind eng miteinander verwandt, wie Untersuchungen von DNA-Sequenzen beweisen", berichtet Schumacher.

Sollten die Bencomien im HBV fruchtbare Samen bilden, so könnten die Wiener Erfahrungen einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Art vor Ort liefern. "Unser erster Aussaatversuch mit Samen von Pflanzen vom Wildstandort scheiterte ja auch", erinnert sich Schumacher. "Erst bei der zweiten Aussaat aus der zurückbehaltenen Restmenge - das wird aus Sicherheitsgründen mit sehr wertvollem Saatgut gemacht -, sind Aussaat und Aufzucht gelungen." (mth/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 3. 2006)

Nächste Woche ist die Bencomie im Kaphaus des HBV ausgestellt und von außen (!) durch Glasscheiben zu besichtigen.
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