1. Juni 2006, 11:22
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Freitagnachmittag an der Sigmund Freud Privatuniversität (SFU). Der dritte Stock eines nüchternen und leer wirkenden Gebäudes nahe einem Wiener Industrieviertel erwacht zum Leben. Frauen und Männer mit Gesichtern, die von Lebenserfahrung zeugen, drängen in die Hörsäle. 230 Studierende hat die SFU im ersten Jahr seit der Akkreditierung zur Privatuniversität, und die wenigsten darunter sind Anfang zwanzig. "Viele sind bereits Psychotherapeuten, die nun eine akademische Ausbildung nachholen", sagt Alfred Pritz, Psychoanalytiker und SFU-Rektor. Das Studium wird an Freitagnachmittagen und Samstagen angeboten, ab Herbst soll man auch tagsüber studieren können.

Wer leistet sich diese Uni, die bis zum Bakkalaureat 4750 Euro pro Semester kostet, und weitere 5250 Euro pro Semester bis zum Master? Knapp 50.000 Euro also. "Eine Psychotherapieausbildung kostet sowieso viel Geld – wir sind im Schnitt nur zehn bis 15 Prozent teurer als eine Therapieausbildung durch einen der Ausbildungsvereine", sagt Pritz. Sieben Therapieschulen werden angeboten, von der Existenzanalyse bis zur Verhaltenstherapie. Im 5. Semester entscheidet man sich für eine Methode, lernt aber auch die anderen kennen – ein Vorteil gegenüber der bisherigen Ausbildung, wo meist nur eine Schule gelehrt werde.

Die Ausbildungsvereine hören das nicht gern. Es gab heftige Kritik an der SFU. "Die Vereine empfinden uns als Konkurrenz", sagt Pritz, "denn wir bieten ein akademisches Studium plus eine Therapieausbildung." Das seien "unvollständige und damit missverständliche Informationen", heißt es in einem Schreiben des Österreichischen Berufsverbands für Psychotherapie. Denn ein abgeschlossenes Psychotherapie-Studium garantiere noch nicht die Berufsberechtigung als Therapeut oder Therapeutin. "Eine Propaganda der Ausbildungsvereine", kontert Pritz. Erst wenn der erste Absolvent um Eintragung in die Psychotherapeutenliste des Ministeriums ansucht, wird sich zeigen, ob die Ausbildung anerkannt wird – Zusagen gibt es. Pritz will mit den etablierten Ausbildungsvereinen kooperieren – bisher arbeiten aber nur vier Vereine mit ihm zusammen, mit weiteren verhandelt er.

Die Akkreditierung zur Privatuniversität war erst beim zweiten Anlauf gelungen – Gutachter hatten das Projekt zuerst ablehnend beurteilt. Für den neuen Antrag holte der Akkreditierungsrat neue Expertisen ein, die positiv ausfielen. Die Angriffe der Kollegenschaft schmerzten Pritz besonders. "Sogar als Psychopathen hat man mich bezeichnet." Und warum ist die Uni nach Freud benannt? "Er hat die Psychotherapie begründet, und neueste neurowissenschaftliche Erkenntnisse beweisen, dass Freud in vielem Recht hatte. Uns geht es aber nicht um eine Verherrlichung. Wir sind schließlich keine Kirche." (DER STANDARD, Printausgabe, 25.3.2006)

Von Margarete Endl
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    Die weltweit erste Uni für Psychotherapie ist nach Sigmund Freud benannt und in Wien beheimatet, wenn auch nicht in der Berggasse 19.

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