Umweltbundesamt: Feinstaub kostet neun Lebensmonate

20. Juli 2006, 13:18
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Die statistische Realität sieht in Essen oder Lifestyle den größeren Einfluss - 20.000 Kinder leiden bereits an Bronchitis

Eine Studie des Umweltbundesamtes kommt zu dem Schluss, dass Feinstaub die Lebenserwartung um neun Monate reduziere. Die statistische Realität sieht aber anders aus – obwohl die Belastung früher höher war.

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Wien - Neun Monate sind es im statistischen Österreichschnitt. Theoretisch. Um neun Monate verringere die Feinstabbelastung die durchschnittliche Lebenserwartung der Österreicher, warnt das Umweltbundesamt (UBA) in einer Studie, die am Montag veröffentlicht wurde. Allerdings: Die Arbeit unter der Projektleitung von Jürgen Schneider beruht auf Berechnungen und nicht auf einer tatsächlich geringeren Lebenserwartung, die statistisch ablesbar wäre.

Grazer kann Feinstaub 17 Lebensmonate kosten

Die stärksten Effekte müssten laut UBA in Graz zu erwarten sein: Dort soll der Feinstaub die Bewohner 17 Lebensmonate kosten. In Linz wären es 14, in Wien zwölf, in St. Pölten elf, in Innsbruck zehn, in Klagenfurt neun und in Salzburg "nur" sieben Monate. Sofern die Feinstaubbelastung über mehrere Jahrzehnte konstant bliebe.

Allerdings: Für 2004 weist die steirische Landeshauptstadt eine Lebenserwartung von 82,7 für Frauen und 77,4 Jahre für Männer auf. Für die gesamte Steiermark, die laut UBA deutlich weniger belastet ist, werden die Frauen nur 82,3 und die Männer 76,7 Jahre alt.

Essen und Lifestyle

Schneider erläutert, andere Faktoren wie Rauchen, Essen oder Lifestyle hätten einen größeren Einfluss auf die Lebenserwartung als Feinstaub. Und: Die Belastung war laut Schneider vor 30, 40 Jahren wesentlich höher als heute.

Der Wiener Sozialmediziner Michael Kunze zeigte sich in einer Reaktion äußerst kritisch: "Die Studie ist mit Vorsicht zu genießen." Der Experte findet es problematisch - auch wenn die Zahlen stimmen sollten - dieses Thema ohne Absprache mit anderen Wissenschaftern über die Medien herauszublasen. "Ich hätte beinahe gesagt, unseriös."

20.000 Kinder leiden an Bronchitis

Im Büro der Wiener Umweltstadträtin Ulli Sima (SP) hieß es, diese Studie belege lange bekannte Zahlen: So habe die WHO etwa festgestellt, dass 1996 rund 2400 Todesfälle in Österreich auf verkehrsbedingten Feinstaub zurückzuführen seien. Demnach verursache Feinstaub bei 15.000 Kindern Asthma und bei 20.000 Kindern Bronchitis. Inzwischen habe sich aber auch einiges getan. Es brauche eine "gemeinsame, nationale Kraftanstrengung", um die Luftgüte weiter zu verbessern.

Permanente Grenzwertüberschreitungen

Die Grünen-Umweltsprecherin Eva Glawischnig kritisierte: "Seit Jahresbeginn müssen wir permanent Grenzwertüberschreitungen verzeichnen, was Umweltminister Pröll zu keinerlei Aktivitäten veranlasst hat." Das "völlig ungenügende Feinstaubgesetz" müsse zurückgezogen und überarbeitet werden.

Umweltminister Josef Pröll (VP) hat sich vorgenommen: Man wolle unter die 30 Tage Grenzwertüberschreitung kommen. Derzeit darf laut EU-Recht das Tagesmittel von 50 Mikrogramm/m³ nur an 30 Tagen überschritten werden. Ab 2010 dürfen es nur noch 25 Tage sein. (APA, frei, DER STANDARD Printausgabe 25.3.2006)

  • Experten finden es problematisch –
auch wenn die Zahlen stimmen sollten – verkürzte Lebenserwartungen durch Feinstaub ohne Absprache mit anderen
Wissenschaftern über die Medien herauszublasen
    grafik: isee

    Experten finden es problematisch – auch wenn die Zahlen stimmen sollten – verkürzte Lebenserwartungen durch Feinstaub ohne Absprache mit anderen Wissenschaftern über die Medien herauszublasen

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