Des milden Herrschers Einsamkeit

24. März 2006, 17:39
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Tenor Kurt Streit – als Titus im Theater an der Wien - Fast ausschließlich mit Mozart-Rollen assoziiert zu werden, stört den Sänger gar nicht

Wien – Wenn es um Frage nach dem Sinn oder Unsinn des laufenden Mozartjahres geht, zitiert Kurt Streit gerne Nikolaus Harnoncourt: "Je schneller es vorbei ist, desto besser." Wenn es um seine persönliche Beziehung zu Mozart geht, wird der sonst so eloquente Sänger aber plötzlich sehr nachdenklich. Es gebe keine Sprache, so der amerikanische Tenor, die seine tiefe Herzensbeziehung zu Mozart adäquat ausdrücken könne. "Ich bin schlicht sprachlos vor ihm." Ob es ihn denn nerve, fast ausschließlich mit Mozart-Rollen assoziiert zu werden? "Nein, es stört mich überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, es ist eine Ehre, ein Mozart-Tenor genannt zu werden", meint Streit, dessen klare Stimme alle großen Tenorpartien in Mozarts Opern sein Eigen nennt.

Im Theater an der Wien singt Streit mit dem Titus aus Mozarts letzter Oper eine seiner Paraderollen. Den gerade ob seiner Güte tragischen Titelhelden aus Mozarts 1791 für die Krönungsfeierlichkeiten Kaiser Leopolds II. in Prag komponierten Oper sieht Streit differenziert. "Ja, ich kann mich mit ihm identifizieren. Früher dachte ich, er macht alles aus einer inneren Unsicherheit oder Naivität heraus. Doch das stimmt nicht! Er möchte einfach das Richtige tun, kann es aber nicht, weil er Kaiser ist. Wenn er es tut, ist er am Ende noch einsamer als zuvor." Interessant ist für Streit auch die politische Dimension. "Kaiser Titus ist ein sehr sanfter Imperator, immer wieder ist von seiner Güte die Rede. Dachte man in Prag an Versailles und die Französische Revolution?"

Die Koproduktion mit der Frankfurter Oper unter der Regie von Christoph Loy und unter Paolo Carignani als musikalischem Leiter überzeugte in Deutschland vor allem durch die klare Personenführung und die gelungene Verknüpfung von Gesang und Schauspiel. "Es war eine gute Zeit, die Arbeit mit Loy war fantastisch", so Streit. "Ich mag Regisseure bzw. Dirigenten, die es schätzen, wenn man als Sänger mitdenkt und sich die Frage stellt, was denn hinter dem Text und der Musik steht. Und ich denke gerne! Das kostet zwar viel Energie, aber danach verstehen wir die Musik und das Stück!". Die Frage "prima la musica" oder "prima la parola" stellt sich für Streit nicht.

Im Theater an der Wien werden erstmals die Wiener Symphoniker als Opernorchester musizieren. Angesprochen auf die volle wienerische Klangkultur dieses Klangkörpers meint Streit, der gerne mit Originalklangensembles musiziert, dass der volle Orchesterklang für ihn kein Problem darstellt, wenn er alle Schattierungen von piano bis zum fortissimo ausdrücken könne. "Ich mag die dramatischen Rollen bei Mozart, hier fühle ich mich am wohlsten."

Neben Mozart erweitert Streit, der letztes Jahr in Graz auch als Don José in Bizets Carmen zu sehen war, beständig sein Spektrum. Jánacek, Monteverdi, Berlioz, Stra- winsky, Britten und sogar Wagner (als Erik im Fliegenden Holländer 2007 in Barcelona) stehen auf dem bis 2010 reichenden Terminkalender. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.3.2006)

Von Robert Spoula
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