Auf Ruinenstümpfen ins Theaterglück

12. Mai 2006, 19:35
5 Postings

Mit Marie Zimmermann bearbeitet eine resolute deutsche Theater­denkerin Themen wie das Mozartjahr - Die Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen im Interview

Im Gespräch mit Ronald Pohl umreißt Zimmermann Gedanken zum aktuellen Programm.


STANDARD: Am Umschlag des Festwochen-Katalogs 2006 verdrehen die Jubilare Mozart und Freud indigniert die Augen. Können Sie erklären, warum?

Marie Zimmermann: Es ist eine Gestaltungsidee der Werbelinie, um den Veranstaltungsinfarkt, der ab 1.1. über den einen wie den anderen "Jubilar" hereingebrochen ist, etwas ironisch zu kommentieren. Wohl wissend, dass das Musikprogramm der Festwochen aktuell einiges zum Mozartjahr beiträgt. Wenn Sie so wollen: der Versuch eines selbstironischen Scherzes.

STANDARD: Man gewinnt den Eindruck, dass alles, was sich an Aufklärerischem in Österreich jemals zugetragen hat, an der Marke "Mozart" befestigt wird. Hält er das aus?


Zimmermann: Man könnte fast mit der wunderbaren Passage aus dem Amadeus-Film antworten, wo der Kaiser zu ihm sagt: "Zu viele Noten, mein lieber Mozart!" Der Meister selbst würde sich einerseits gewiss genüsslich geschmeichelt fühlen, dass er, der zu seinen Lebzeiten in dieser Stadt vergeblich um Anerkennung kämpfen musste, wenigstens posthum so heftig gefeiert wird. Gleichzeitig hätte er ganz gewiss gesagt: zu viele Veranstaltungen! Im Übrigen glaube ich, dass die Festwochen-Aufführungen, zum Jubiläumsjahr, sehr gut für sich stehen können – unabhängig davon, ob wir ein rundes Mozartjubiläum haben oder nicht. Der Intendanz ist es gelungen, Krystian Lupa, der hohe Meisterschaft im Schauspiel bewiesen hat, erstmals an das Opernregiepult für Die Zauberflöte zu locken. Patrice Chéreau kehrt wieder in die Stadt zurück. Peter Sellars wird sich auf seine ganz andere Weise an Mozart annähern. Ich habe grundsätzlich etwas gegen Jahrestags-Dramaturgien: Es ist dennoch ein Wermutstropfen für mich, keine honneurfreie Dr.-Freud-Reihe gemacht haben zu können.

STANDARD: Mozart taugt als "Vehikel" zur Rekonstruktion bürgerlicher Innigkeit. Wird dieser Punkt nicht längst vom spät- oder nachbürgerlichen Zeitalter mindestens ästhetisch dementiert? Auch der Blick auf aktuell diskutierte Schauspielproduktionen lehrt doch: Das allseitig entfaltete, bürgerliche Subjekt ist gerade dabei, von der Weltbühne abzutreten.


Zimmermann: Ich halte mich da eher an die ästhetische Signatur, die die Künstler selber geben. Weder Chéreau, Sellars noch Lupa sind für solche Revisionsgedanken empfänglich. In den 1960er-Jahren hat Chéreau, als die Frage nach der Widerspiegelung gesellschaftlicher Realitäten eine ganz andere Brisanz und Sprengkraft hatte, einmal davon gesprochen, es gehe ihm um ein "imaginäres Bild" von der Gegenwart. Er war und ist damit jemand, der den jeweils zeitgenössischen Reflex als einen Kunstvorgang versteht. Mit den Namen der Künstler, die für die Mozart-Aufführungen des Programms verantwortlich sind, dementiert sich Ihr Einwand von selbst. Bei einem Regisseur wie Lupa, der 40 Jahre seines künstlerischen Lebens in der anderen Hälfte des geteilten Europas zugebracht hat, wo das Bürgertum gewaltsam zerschlagen worden ist, verfängt er ganz gewiss nicht.

STANDARD: Trotzdem gibt es ja eine Art Gespensterdebatte im veröffentlichenden Deutschland, wonach die Schaubühnen die Zotenabteilung der ehemals schönen Künste bilden. Warum die akute Aufregung? Weil einem namhaften Kritiker der "FAZ" der Spiralblock entrissen worden ist?

Zimmermann: Die Stadelmaier-Affäre gehört inzwischen in den Bereich der Real- Satire. Die FAZ vermeldete am 18. 2. den Vorfall auf der ersten Seite unmittelbar neben dem Bericht über die jüngsten gefährlichen Atompläne der iranischen Regierung. Das lässt doch jedes Augenmaß vermissen. Wie kann man beides gleichrangig als Nachricht bewerten? In seinen Artikeln und Interviews zu der Affäre tut der attackierte Kritiker so, als sei er das Opfer eines (Mord-)Anschlags. Ich frage mich, woher nimmt der an sich rationale, besonnene Mann die Energie für diesen Zorn? Ich weiß z. B. nicht, ob der Schauspieler Thomas Lawinky während seiner Attacke überhaupt namentlich wusste, wen er da beleidigte. Womöglich ist die heimliche Feuerstelle dieses Skandals auch gekränkte Eitelkeit.

In den Köpfen deutscher Intellektueller hat eine ziemliche Irritation Platz gegriffen. Man hat einige Strukturen und Institutionen aus guten Gründen vor 30 Jahren abgesägt und sitzt nun auf den Stümpfen dieser verlassenen Ruinen. Das ist für das Denken kein sonderlich produktives Klima. Es gibt einige wenige Einlassungen in Zeit und Süddeutscher Zeitung, die interessant sind. Dass diese Stimmung in Deutschland unterwegs ist, weiß man spätestens seit dem Ergebnis der letzten Bundestagswahl. Es müssen ja einige die große Koalition gewählt haben – und sei es aus Ratlosigkeit. Diese große Koalition der Ratlosigkeit findet sich auch in der kulturpolitischen Debatte wieder. Diese Diskussion ist wirklich sehr deutsch und hat mit der finanziellen und gesellschaftlichen Krise des Landes zu tun. Den sachlichen Kern der Debatte hat unter dem unmittelbaren Eindruck des 11. 9. 2001 der amerikanische Soziologe Richard Sennett einmal im Züricher Schauspielhaus so formuliert: Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts folgen die Künste einem Avantgardebegriff, der seine schöpferische Kraft dem Begriff der Zerstörung verdankt. Inzwischen sei die Dekonstruktion zum politischen Leitbegriff staatlichen und terroristischen Handelns avanciert, so dass sich die Künste neu verorten müssen. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.3.2006)

Zur Person

Marie Zimmermann
(50) machte sich als Dramaturgin in Freiburg oder Stuttgart einen Namen, ehe sie 2003 als Schauspielchefin bei den Festwochen anheuerte. Sie leitete 2005 das Festival "Theater der Welt" in Stuttgart und übersiedelt 2008 zur RuhrTriennale.
  • Marie Zimmermann beargwöhnt das Ende der schönen Künste, wie wir sie kannten: "Die meinungs-politischen Klima-experten fühlen sich unbehaust."
    foto: standard/regine hendrich

    Marie Zimmermann beargwöhnt das Ende der schönen Künste, wie wir sie kannten: "Die meinungs-politischen Klima-experten fühlen sich unbehaust."

Share if you care.